Schreibarbeit als Pfropfverfahren

Der noch im späten 19. Jahrhundert da und dort gepflegte Geniekult geht auf die mythische Vorstellung eines originären Schöpfertums zurück, das ab ovo oder ex nihilo etwas Neues, Niedagewesenes, Unverwechselbares in die Welt bringt. Das solcherart schöpferische Genie tritt in der Funktion eines gottähnlichen Demiurgen auf, der die Wirklichkeit durch eigens geschaffene mögliche Welten mit jeweils eigenem Realitätsstatus ergänzt. Bestätigt wird diese Vorstellung durch die Bezeichnung des Schöpfers als „Autor“, lateinisch auctor (von augere, „mehren“), wovon die Begriffe „Autorschaft“ und „Autorität“ herzuleiten sind: Die Funktion „Autor“ ist also ursprünglich auf ein stetiges autoritatives Hervorbringen von „Neuem“ festgelegt, auf eine permanente Innovationsleistung, durch die die bestehende Welt angereichert, eben „gemehrt“ werden soll. […]

Produktive „Mehrung“ ist nur dann möglich, wenn eine Auslese stattfindet, wenn ihr also eine umsichtige „Minderung“ vorausgeht – wer Neues hervorbringt und durchsetzen will, muss auch auf Vorgängiges verzichten können, um für Neues Platz zu schaffen. Das heisst allerdings nicht, dass alles Überlieferte zu verwerfen ist, wie noch die klassische Avantgarde es gefordert hat, es heisst vielmehr, dass die Überlieferung immer wieder bereinigt, neu bewertet, nachträglich begradigt werden muss, um eine innovative „Mehrung“ überhaupt erst zu ermöglichen und produktiv zu machen.

[…] Im Gegensatz zur natürlichen Evolution der Tier- und Pflanzenwelt erfordert die Evolution der Künste gezielte Eingriffe von aussen, durch die die Struktur- und Formentfaltung in vorbestimmte Bahnen gelenkt wird. Als Vergleich für dieses Verfahren bietet sich die althergebrachte Kulturtechnik des Pfropfens (oder Pelzens) an. Im Akt des Pfropfens verbindet sich die destruktive Geste der Amputation (Stamm, Äste werden gekappt) mit der konstruktiven Geste der Transplantation (fremdes Reis wird an der Schnittstelle eingesetzt). Aus solcher Verbindung, begriffen als „Veredelung“, ergibt sich die geplante „Mehrung“ , und diese wiederum mehrt und differenziert auch die Möglichkeiten der Herausbildung neuer Fruchtformen und -qualitäten. Stamm und Ast verlieren somit an Bedeutung zu Gunsten der gewalthaft (mit dem Pfropfmesser) bewerkstelligten Verzweigung. Die neu applizierten Reiszweige bilden so etwas wie ein nach oben gekehrtes, in unterschiedliche Richtungen weisendes Wurzelwerk, das die Entfaltung der gewachsenen und weiterwachsenden Gestalt wie auch die nachkommende Produktion (des Baums, des Rebstocks usw.) merklich mitbestimmt.

Der „Autor“ als schöpferische Instanz wird damit naturgemäss entmachtet, wird abgelöst durch einen „Generator“, der die Kunstentwicklung voranbringt, indem er die Überlieferung mit technischen Mitteln manipuliert. Das Verfahren entspricht dem antiken Vorbild der Anthologie, die durch das Sampling von Fremdtexten eine eigenständige, von der Autorität eines individuellen Autors unabhängige Werkform konstituiert, und es findet seine aktuelle Anwendung in der vielfältigen Methode des Copy-Cut-and-Paste, bei der überlieferte Materialien – Texte wie Bilder − kopiert, auseinandergeschnitten und mit neuer Intention in neuer Zusammensetzung sowie unter Verwendung zusätzlicher Versatzstücke aufbereitet werden. […]

Mit Blick auf die hybride Kunst- und Literaturproduktion von heute könnte man unter diesem Gesichtspunkt sagen, sie bestehe vorwiegend aus disparaten Pfropfsprossen, die den Stamm und das natürlich herangewachsene Astwerk, auf das sie transplantiert wurden, weitgehend vergessen lassen.

[…] Die Evolution von Kunst und Literatur, aber auch die individuelle Werkentstehung in bildhafter Analogie zur Technik der Pfropfung zu sehen, mag als Anregung dienen für die Ausarbeitung einer historischen Poetik zwischen Natur und Kultur. So wäre womöglich eine interdisziplinäre Position zu erschliessen, von der aus eine Vielzahl poetologischer Fragestellungen in neuer Perspektive angegangen und erhellt werden könnten.

Felix Philipp Ingold, „Die Kunst des Pfropfens“ (Auszug), in VOLLTEXT, 2016, H. IV.


Das war die Lyrikzeitung 2016. See you soon!

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