Homer sang

Die frühesten Sammler und Vortragenden von poetischen Inhalten waren in jedem Kulturkreis Sänger und Rezitatoren. Die Schrift, also Buchstabensysteme, die Lautsysteme repräsentierten und damit Inhaltsspeicher wurden, erzählen eine andere Geschichte von den Geschichten, ihren Anfängen und Verbreitungen. Auch eine viel jüngere. Denn: Im Anfang war das gesprochene Wort.

Auch heute ist das noch so, denn längst ist nicht die ganze Welt alphabetisiert. Dass man das tatsächlich schreiben muss, wenn es um Literatur geht, gar meint, sich schützend vor einen grossen Sänger stellen zu müssen, weil der den wichtigsten Literaturpreis der Welt erhalten wird, befremdet mich.

Vergessen scheinen die Aoiden der vorhomerischen und homerischen Zeit, die die Odyssee bei Gastgelagen sangen und denen der Dichter Homer lauschte, dann – die Wissenschaft ist sich beinahe sicher, dass es so gewesen sein muss – die besten Vortragsversionen verband und den Text schuf, der uns mit seinen 24 Gesängen über die Irrfahrten des Listenreichen zur Weltlektüre wurde.

Homer hätten die meisten Menschen den Nobelpreis für Literatur wohl ohne Zögern gegönnt, Bob Dylan bekommt heftigen Gegenwind. Die Windmaschine zeigt auf, dass wir dem Buchstaben viel mehr zutrauen, uns zu erhellen, zu bilden und zu erheben.

Das gesprochene Wort dagegen und damit all seine ephemeren und verstetigenden Produkte wie Konzerte, Reden, Rezitationen, Gesänge, CD, Radioproduktionen stellen wir eilfertig in die Ecke der Unterhaltung, des Amüsements, der leichteren Muse. Ein Lied ist kein Kapitel von, sagen wir, José Saramago, wir loben den Romanautor aber, wenn er musisch, gar lyrisch zu schreiben versteht.

Aber wehe, es entstehen «nur» Gedichte, also Zeilen, die man vielleicht heute noch zur Lyrabegleitung singen könnte. Das wäre albern, allzu «gering». Vor allem Nachkriegsdeutschland hat sich im Spannungsfeld (selbst-)auferlegten Appells des Dokumentarischen und Adornos Absage an die Möglichkeit des Gedichtes nach Auschwitz ganz der Prosa narrativ ausholender Männer anvertraut: Böll, Grass, Lenz, später Walser. Wenig Experiment wurde zugelassen und wenn, dann fast übersehen.

Die einzigen Erfindungen und damit wirklichen Innovationen in der deutschsprachigen Literatur wurden im Bereich der Lyrik getätigt: Dada und Konkrete Poesie, die sich in vielem anlehnen an das Sprachverständnis des Barock, also nicht von ungefähr kommen, und den Leserinnen und Lesern eine genaue Kontaktaufnahme mit der Welt des 20. Jahrhunderts ermöglichen. (…) / Nora Gomringer, Neue Zürcher Zeitung

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