Die Kunst des Fortschreibens

Unter dem Titel „Fortschrift“ (Ein Gedicht in fünfzehn Würfen) legt Felix Philipp Ingold beim Ritter Verlag Literatur (Klagenfurt/Wien) einen Text vor, der als Überschreibung und Fortschreibung von Stéphane Mallarmés typographischem Poem „Niemals wird ein Würfelwurf den Zufall tilgen“ konzipiert ist. In einem dem Buch beigegebenen Begleittext schreibt Magnus Wieland dazu:

Felix Philipp Ingold nennt das vorliegende Werk „Fortschrift“. Der Titel stammt zwar vom Autor selbst, er deutet aber zugleich an, dass sich das Werk auf einen bereits bestehenden Prätext bezieht, von dem aus fortgeschrieben wird. Der Untertitel „Ein Gedicht in fünfzehn Würfen“ verrät für den Kenner auch unschwer, was der Autor einleitend ohnehin offen legt: die Grundlage bildet Stéphane Mallarmés epochales, erstmals 1897 in der Zeitschrift Cosmopolis erschienenes Gedicht „Un Coup de Dés jamais n’abolira le hasard“ , das wohl als eines der einflussreichsten Werke der literarischen Moderne gelten darf.

Zahlreiche Künstler und Schriftsteller haben sich von Mallarmé inspirieren lassen und sein Gedicht mehr oder weniger offensiv angeeignet. Ein Grund für diese hohe Dichte an künstlerischen und literarischen Appropriationen liegt in der offenen Anlage von Mallarmés Gedicht selbst, das eine solche Weiterbearbeitung nachgerade herausfordert. Zumindest argumentiert Ingold in diese Richtung, wenn er einleitend darauf verweist, dass Mallarmé seinen „Würfelwurf“ bloss als Fragment verstanden habe, das er zu einer „grossen typographischen und kosmogonischen Dichtung“ ausweiten wollte, die alle Sinne umfasst. Mallarmés Gedicht ist kein statisches Gebilde, sondern ist wie der Kosmos in einer fortwährenden Expansion begriffen. […]

Die Lesbarkeit des Textes soll durch die „Fortschrift“ weder verringert noch verunmöglicht werden, stattdessen geht es Ingold darum, durch eine kompositorische Erweiterung des Originals einen permanenten Sinnzugewinn zu erzielen, indem das bereits von Mallarmé praktizierte Prinzip von „Hauptmotiv“ und „prismatischen Unterteilungen“ konsequent weitergeführt wird. Aus dem Original erwachsen durch dieses Prinzip weitere An- und Untergliederungen, die Ursprungszeilen des Gedichts erfahren sukzessive eine spektrale Auffächerung in semantischer wie typographischer Hinsicht. Denn ebenso frei wie mit dem Text geht Ingold mit dem Arrangement des Originals um. Zwar operiert er wie Mallarmé mit verschiedenen Schriftgrössen und -arten, setzt dabei aber eigene Akzente, und schafft damit neue Konstellationen, die zwar in konzeptueller Hinsicht dem Original folgen, dabei aber formal eine durchaus andere Gestalt annehmen. Darin unterscheidet sich Ingolds Aneignungspoetik von den Buchappropriationen im engeren Sinn, die besonderen Wert auf eine möglichst identische (typo-)graphisch-imitatorische Reproduktion des Originals bei gleichzeitiger materieller Manipulation oder Deformation des Textes legen. Ingolds Fortschrift ist deshalb eher eine kompositorische Nachahmung im Geiste Mallarmés zu nennen anstatt eine direkte Vereinnahmung seines Werks. […] Anstelle des Genies, das – als Naturgabe verstanden – gemäss Kants berühmter Definition der Kunst die Regel gibt, akzentuiert der chiastische Terminus vielmehr die Eigenständigkeit von derivativen und appropriativen Praktiken, die keine ,Kunst nach der Natur‘ mehr betreiben, sondern ,Kunst aus Kunst‘ produzieren.

Bei Felix Philipp Ingold kommt diese Auffassung in der sprechenden Formel „etwas anfangen damit“ zum Ausdruck, die nicht nur als poetologische Leitmaxime des Autors gelten kann, sondern auch die Logik der Appropriationskunst auf den Punkt bringt, indem sie zwei im Aneignungsprozess nicht mehr voneinander zu trennende Aspekte verschmilzt: das Moment der Übernahme (damit) sowie das Moment des Neuen (anfangen). Zwar basiert das poetische Verfahren auf bereits bestehenden Texten, mit denen aber ‚etwas‘ – und zwar: etwas Neues – angefangen wird. Jede Appropriation ist ihrerseits wieder ein (Neu-)Anfang und damit, zumindest etymologisch gesehen (lat. origo: Anfang, Ursprung) ein Original. […]

So verstanden löst Ingolds Fortschrift nur ein, was von Mallarmé programmatisch vorgedacht, ja antizipiert wurde. Es wäre deshalb so verkehrt nicht, Ingold nicht allein als Autor der vorliegenden Nachdichtung, sondern auch als Co-Autor an Mallarmés Buchprojekt zu bezeichnen, weshalb auch weniger von Appropriation als von Partizipation gesprochen werden müsste. Denn Original und Nachahmung verschmelzen unter dieser Perspektive zu einer fortlaufenden Fortschrift – to be continued.

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