Aufzeichnungen aus dem Abseits

Felix Philipp Ingold zu seiner Neuübersetzung von Fjodor Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ (Dörlemann Verlag, Zürich 2016).

Im Unterschied zu früheren Eindeutschungen wurde vorrangig auf die sprachliche beziehungsweise stilistische Eigenart der „Aufzeichnungen“ geachtet, um der ungewöhnlichen Rhetorik des Erzählers optimal gerecht zu werden. Dazu gehört nicht nur die Ausdifferenzierung gesprochener und geschriebener, eigener und fremder sowie direkter und indirekter Rede, sondern auch die Wiedergabe der zwischen krudem Alltagsjargon, hochtrabender Intellektualität und hysterischer Selbstanklage ständig schwankenden stilistischen Register. Syntax und Rhythmus sollten mit all ihren Irregularitäten ‒ Defekten, Flüchtigkeiten, gewollten (oder auch ungewollten) Bruchstellen und Wiederholungen – möglichst authentisch erhalten werden. Auch die relative Unschärfe beziehungsweise die uneinheitliche Verwendung zentraler Begriffe in den Bedeutungsbereichen Verstand/Vernunft und Bewusstsein/Wahrnehmung/Erkenntnis wurden beibehalten. Übernommen wurden ausserdem die Besonderheiten von Dostojewskijs Interpunktion, die für die Akzentuierung und Rhythmisierung der polyphonen Rede bestimmend ist.

Im Deutschen kennt man den Text bisher mehrheitlich als „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ oder „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“. Die erste Übersetzung erschien 1897 unter dem willkürlich abgeänderten Titel „Aus dem Dunkel der Grossstadt“ (Aufzeichnungen eines Paradoxen) und 1923 folgte, fast ebenso willkürlich, „Die Stimme aus dem Untergrund“ (Aus den Papieren eines Untergrundmenschen). Mit den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ lag allerdings schon früher – im Rahmen der populären Piperschen Werkausgabe (1906-1919) ‒ eine Titelfassung vor, die nachmals für weitere deutsche Übersetzungen verwendet und entsprechend häufig zitiert wurde. In der umfangreichen Sekundärliteratur zu Dostojewskij hat sich keine klare Präferenz herausgebildet – „Kellerloch“ und „Untergrund“ sind noch heute gleichermassen akzeptiert, ebenso die Bezeichnung des anonymen Ich-Erzählers als „Kellerlochmensch“ beziehungsweise „Untergrundmensch“.

Wenn hier nun mit den „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ ein neuer, bisher nicht verwendeter Titel eingeführt wird, ist dies begriffskritisch wie folgt zu erklären und zu rechtfertigen. Wohl bezeichnet das Wort podpol’e eine Örtlichkeit, die „unter“ (pod) dem „Boden“ (pol) gelegen ist, doch ist der Begriff im Russischen durchweg politisch konnotiert, steht also generell für einen geheimen, einen versteckten Ort, der – wie im Deutschen – „Untergrund“ genannt wird und an dem sich in aller Regel nicht Einzelpersonen, sondern „untergetauchte“ Kampf- oder Diskussionsgruppen zusammenfinden; das davon abgeleitete Eigenschaftswort (podpol’nyj) bedeutet denn auch nichts anderes als „illegal“ (vorab „anarchistisch“, „revolutionär“) oder ganz einfach „verboten“.

Als „Untergrund“ lässt sich der Aufenthaltsort von Dostojewskijs Ich-Erzähler also nicht bezeichnen. Denn dieser haust – völlig legal ‒ in einer schäbigen Mietwohnung am Stadtrand Petersburgs und hat mit der dissidenten oder kriminellen Szene nichts zu schaffen. Auch liegt seine Wohnung (wie aus dem Text hervorgeht) keineswegs „unter dem Boden“, also im Soussol oder Kellergeschoss, vielmehr scheint es sich um das Hochparterre zu handeln, so dass von „Kellerloch“ keine Rede sein kann. Es ist kaum nachvollziehbar, dass und weshalb der Protagonist, der als Kanzleibeamter und Uniformträger einen eigenen Hausdiener beschäftigt, in den meisten bisherigen Übersetzungen und Analysen der „Aufzeichnungen“ in einem unterirdischen Verlies verortet wird – er richtet sich nicht in einer Unterwelt ein, um mit Gleichgesinnten eine wie immer geartete, auf gesellschaftspolitischen Wandel angelegte Opposition zu bilden, vielmehr vertritt und rechtfertigt er eine radikal egozentrische Gegenwelt, die jeglicher System- und Normbildung, jeglichem common sense, jeder Konvention und jedem Kompromiss abgeneigt ist.

„Untergrund“ und „Kellerloch“ sollen in dieser Neuausgabe der „Aufzeichnungen“ durch den allgemeiner geltenden Begriff des Abseits ersetzt werden. Es handelt sich dabei um einen selbstgewählten abgelegenen Aufenthaltsort, einen Ort des Rückzugs wie auch der Selbstbesinnung, der bei seinem Bewohner gleichermassen soziale Distanzierung (oder Inkompetenz) und individuelle Überheblichkeit vermuten lässt. Der Erzähler wird damit von falschen politischen Konnotationen befreit, er ist kein regimefeindlicher Verschwörer oder Untergrundkämpfer, sondern ein ebenso konsequenter wie exzentrischer Einzelgänger, ein Querdenker und Provokateur, man könnte auch sagen – ein typischer, nirgendwo behauster Intellektueller, der (wie er selbst eingesteht) unentwegt „spricht und spricht und spricht“, sich aber zu keinerlei produktiver Tätigkeit von gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen aufraffen kann. Die „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ sind das beredte, noch heute gültige Zeugnis dafür.

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