Wiederkehr des Autors

Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold, Volltext 3/2015

Längst vorbei sind die asketischen Zeiten auktorialer Selbstentmächtigung und Anonymisierung, da das Hauptinteresse den Texten galt und die Bücher auch äußerlich – durch sparsame typografische Umschlaggestaltung – primär in ihrer Qualität als Schriftwerke präsentiert wurden. Vorbei die autoritäts- und traditionsfeindliche Auffassung von Literatur als Experiment, als ludistische Kombinatorik oder auch – auf der Gegenseite – als reine Faktografie („Arbeiterliteratur“, „Industriereportage“, Sozialrapport“ u. ä. m.), eine Auffassung, die für den Autor bloß noch die Rolle eines Berichterstatters oder dann eben eines Arrangeurs, gern auch eines „Bastlers“, eines „Handwerkers“ vorsah.

Programmatisch elitäres und programmatisch populäres Literaturverständnis treffen sich in der gemeinsamen Abwertung traditioneller Autorschaft und der Ablösung des Urhebers durch den Macher (als textbezogener Formalist) oder den engagierten Zeitzeugen (als weltbezogener Dokumentalist) – in beiden Fällen unterwirft sich der Autor freiwillig der Eigengesetzlichkeit seines Materials und seiner Technik, verzichtet auf werkherrschaftliche Autorität und damit auch auf die Ambition, persönliche Erfahrungen und Überzeugungen zum Gegenstand schöner Literatur zu machen.

Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass Autoren, die auf solche Weise ihr „Verschwinden“ betreiben, nicht anonym oder unter Pseudonym publizieren, sondern durchwegs den eigenen Namen verwenden, um damit eben doch ihren Anspruch auf Originalität und Unverwechselbarkeit zu behaupten. Das trifft – um nur zwei gegensätzliche Einzelfälle zu nennen – auf den Wortakrobaten Oskar Pastior und den Betriebsreporter Günter Wallraff gleichermaßen zu: Beide können und wollen aufgrund ihrer jeweiligen Schreibverfahren nicht als individuelle „Schöpfer“ ihrer Werke gelten.

War das Bild des Autors als Privatperson in den 1960er-, 1970er-Jahren kaum noch von Interesse, so hat es heute integralen Anteil am Werk. Vordergründig wird dies dadurch signalisiert, dass Schriftsteller – und mehr noch Schriftstellerinnen – ihr Image in der Werbung immer häufiger und immer spektakulärer zur Geltung bringen: Offenkundig stehen sie lieber vor dem Werk als hinter ihm, und selbstverständlich wissen sie, dass ein „Star“, ein „Überflieger“, ein „Fräuleinwunder“ besser zu vermarkten ist als ein Textangebot, dessen Qualitäten sich naturgemäß nicht visualisieren, sondern einzig über kritische Lektüre erschließen lassen. Das Feuilleton bestätigt diesen Sachverhalt durch die großzügige Bebilderung von Rezensionen, die dem Konterfei des Autors oft ebenso viel, wenn nicht mehr Platz einräumen als dem Besprechungstext.

Bloß gelesen zu werden, genügt nicht mehr, scheint heute auch gar nicht wirklich relevant zu sein für die Fundierung einer literarischen Existenz, derweil es unabdingbar darauf ankommt, gesehen, gehört und solcherart „erlebt“ zu werden. „Hautnah“, „zum Anfassen“, „im Gespräch“ bieten sich die meisten Autoren noch so gern an – durch ihre Realpräsenz machen sie Literatur tatsächlich zum „Erlebnis“ und ermöglichen damit, in der konkreten Wortbedeutung, einen Akt des „Begreifens“.

Statt Romanen, Erzählungen, Gedichten liest man, metonymisch, die Literaten selbst – den neuen Kehlmann, die neue Lewitscharoff, den Büchnerpreisträger Goetz: Das Image des Literaten steht im Vordergrund, das Werk bildet lediglich den Kontext dazu und hält die Zitate bereit, die das Image bestätigen.

Die Wiederkehr des Autors als Person bringt – von Ausnahmen stets abgesehen – einen neuen Realismus zur Geltung, der in erster Linie der Aufrichtigkeit verpflichtet ist und seine Rechtfertigung im subjektiven „Erleben“ des Schreibenden findet. Aus eigener Erfahrung, eigenem Leid, eigenem „Schicksal“ (oder auch bloß aus eigener Beobachtung fremder „Schicksale“) wird der Stoff  für literarische Gestaltung heute gemeinhin gewonnen.

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