In Idomeni

Florian Keßler berichtet aus Idomeni

Als die erste Tränengas-Granate zerplatzte, standen wir gerade vor dem Zelt von Noura. Noura ist eine junge Lehrerin aus Syrien, die gut englisch spricht und die ich schon vor ein paar Tagen kennengelernt habe. Ihr Mann war unter Assad sechs Monate im Gefängnis. Als er freikam, gaben die beiden sofort ihre Wohnung auf und machten sich mit ihren drei Jungs auf die Flucht aus Syrien. Und als jetzt Monate später nur ein paar hundert Meter entfernt von ihrem Zelt das erste Tränengas der mazedonischen Armee laut platzend detonierte, begann sie sofort zu weinen. Sie sagte, das Geräusch erinnere sie an den Krieg in Syrien. Weinend holte sie dann die paar Taschen der Familie aus dem wie alles hier schlammigen, kleinen Zelt. Wie viele Menschen um uns herum wollte auch ihre Familie nicht abwarten, sondern mit der Menschenmenge auf die Grenze zugehen – in der verzweifelten Hoffnung und wider besseres Wissen, dass sich die Grenze vielleicht, vielleicht jetzt doch für sie öffnen würde. Aber das ist natürlich nicht geschehen.

Stattdessen wurden die Leute einfach fürchterlich behandelt. Eine weitere niederschmetternde Erfahrung in ihrer langen Kette von niederschmetternden Erfahrungen mit europäischer Asylpolitik, die offiziell immer noch den Genfer Flüchtlingskonventionen zu entsprechen behauptet. Die anfängliche Demo jedenfalls weitete sich tatsächlich gegen elf Uhr zum versuchten Grenzübertritt aus. Vorne auf dem Feld vor dem Grenzstreifen waren vor allem Männer, aber gleich dahinter stauten sich auch viele Familien, Kinder, alte Leute, manche von ihnen in Rollstühlen. Viele Helfer warnten die Familien mit Kindern, dass es gefährlich werden würde und sie wenigstens nicht nach vorne gehen sollten. Andere Helfer mischten sich einfach nur unter die Menschen, und ich ärgerte mich über sie. Trotzdem nochmal fester Widerspruch gegen die Behauptung mancher Medien, das alles würde komplett allein durch „europäische Aktivisten“ „angezettelt“, wie sie ja schon so oft benutzt wurde, um Flüchtlingsproteste zu kleinzureden. Die Leute sind aber nun wirklich selber nicht blöd und vor allem wirklich verzweifelt. Sie halten es hier nicht aus. Sie wollen etwas versuchen und haben Hoffnungen, wie wir alle sie hätten. „At least we try“, sagte einer unserer Übersetzer von der Clothes Distribution dazu, mehr nicht, und damit hat er einfach recht.

Für Informationen an die Menschen oder irgendeine Deeskalationsstrategie hatte weder die griechische Polizei noch die mazedonische Armee Verwendung. Stattdessen gingen erstmal Hubschrauber zum Angsteinjagen immer wieder so tief runter, das viele Zelte kaputt gingen. Dann schossen sie stundenlang immer wieder das Tränengas in die Menge, die vorne mit Steinen zurückschmiss, ebenso harte Gummigeschosse und Blendgranaten. Die AfD kann sich zurücklehnen: Ha, wir sind jetzt wirklich schon ganz kurz davor, mit scharfen Waffen Flüchtlinge zu erschiessen, beziehungsweise haben wir auch diese Drecksarbeit an andere Staaten outgesourct. Es gab viele Verletzte. Es gibt hier ja wenig Wasser, keine Duschen und meist keine Ersatzkleidung – die Menschen kriegen das Tränengas also nicht vom Körper und leiden furchtbar. Auch drehte oft der Wind, immer wieder verteilte sich Tränengas über große Teile der Zeltstadt mit den Frauen und Kindern hinweg. Und zu allem Übel waren viele Familien den ganzen Morgen über aus anderen wilden Camps mit all ihrem Gepäck in der Hitze hierher gewandert, weil sie auf die Grenzöffnung hofften. Diese Familien hatten jetzt keine Zelte. Dann setzte auch noch Regen ein, und es wurde dunkel. Freiwillige organisierten die ganze Nacht neue Zelte für sie. Und das war nur der Sonntag in Idomeni. Guten Morgen.

5 Comments on “In Idomeni

  1. Florian, meine Hochachtung! Und ich könnte weinen, wenn ich das lese. Und tue es auch.

    Ist Europa noch zu retten? Wohl nur, wenn es diese Menschen rettet – und endlich aufhört politisch und menschlich zu versagen.

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