Formierter Geist (1)

slowestnost

Was von weitem wie eine Versammlung kirchlicher Oberhirten aussieht, ist die Gründung einer „Gesellschaft der russischen Literatur“.

Am 9. März 2016 fand unter dem Vorsitz Seiner Heiligkeit Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kirill, eine erweiterte Sitzung des patriarchalischen Rates für Kultur statt, auf der die Gründung der „Gesellschaft für russische Literatur“ beschlossen wurde. (Das benutzte Wort für Literatur, slowestnostj, ist veraltet und bedeutet auch Philologie, sagt mein Wörterbuch).

Im Präsidium der Versammlung waren u.a.

  • Seine Heiligkeit Patriarch von Moskau und ganz Rußland Kirill (Vorsitzender)
  • Metropolit Juvenalij (Stellvertretender Vorsitzender)
  • Metropolit Ilarion
  • Bischof Tichon

sowie der Rektor des Literaturinstituts „Maxim Gorki“, der Chef von Mosfilm, der Dichter  und Staatspreisträger der UdSSR Nikolai N. Dobronrawow und weitere Vorsitzende, Akademiker sowie „Volkskünstler der UdSSR“ (sic).

Seine Heiligkeit teilte mit, daß ihm vor einigen Monaten der Präsident Rußlands, Wladimir Wladimirowitsch Putin, vorgeschlagen habe, eine „Gesellschaft für russische Literatur“ zu gründen. „Ich nahm den Vorschlag an, weil es um die menschliche Dimension unseres Lebens, der Persönlichkeit, der Gesellschaft und des Staats geht, und die menschliche Dimension gehört zum geistigen Verantwortungsbereich der Kirche“, sagte Seine Heiligkeit. „Namentlich als Hirte, der  gemeinsam mit anderen Verantwortung trägt für den geistigen Zustand des Volkes, beschloß ich, diese Gesellschaft zu leiten.“ Zwar habe er als Patriarch mehr als genug zu tun, aber bei einem für das Volk und die Gesellschaft so wichtigen Thema sei der Patriarch in der Pflicht.

In der Debatte schlug Kirill eine einheitliche Leseliste für das Studium an russischen Schulen vor. Es gebe den englischen Terminus guide lines. „Warum sollen wir solche guide lines nicht aufstellen? Fehlt es uns etwa an Verstand, fehlt es uns an Kompetenz?“ Es gehe nicht darum, alles bis ins Kleinste zu regeln. Aber bestimmte klare Kriterien müsse man aufstellen, sagte Kirill. Es sei sehr riskant, nicht an Empfehlungen für die Schullektüre mitzuwirken, wenn es darum gehe, „einen einheitlichen geistigen Raum des Landes zu formieren“.

Bei znak.com heißt die Überschrift: „Guide lines. Patriarch Kirill beschloß die Schaffung eines einheitlichen Literaturkanons für Schulen“. Die Volksdenker und -künstler dürfen reden, der Chef handelt.

Auf der Facebookseite der Russischen Philologischen Gesellschaft wird kontrovers diskutiert. Was wolle die neue Gesellschaft machen, Märchen umschreiben? wird gefragt. Wir werden sehen, wir werdens überstehen. Eiferer verweisen auf die Rolle der Kirche bei der Entstehung der slawischen Sprachen und Schrift. Das ist lange her, sagt jemand. Wir sind eine säkulare Gesellschaft. Hat der Patriarch überhaupt Zeit zu lesen? Die Diskussion schwankt. Auf wen wird Putin hören?

znakcom-701038-600x448

Prawoslawie.ru / znak.com / EB

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: