So ein blassgrünes Buch

Endlich eine Rezension, die ihre – starken – Wertungen nicht aus den gängigen Klischee- und Ressentimentkisten holt. Über die man also streiten könnte, ohne sich auf die festen Standpunkte irgendwelcher binär aufgestellter Lager zu begeben. Beiträge zur Vermessung der Anthologien-, der Lyrikszene. Hier ein paar der griffigsten (streitbarsten) Aussagen in Konstantin Ames‘ Besprechung von

Lyrik von Jetzt 3 – Babelsprech. Hrsg. von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Göttingen (Wallstein Verlag) 2015. 360 Seiten. 19,90 Euro.

(bei Signaturen)

Wer als Beitragender zu einer derart flamboyant beworbenen Sammlung auf Cleverness bewusst verzichtet und stattdessen den eigenen Zirkus rauslässt und nicht nur zynisch versifiziert, was er vorhat, der wagt nicht wenig. Diese Chance haben aber nur Niklas L. Niskate und Linus Westheuser voll ausgereizt. Ihr weiteres Schaffen dürfte nicht nur deshalb von Interesse sein. Das Gros des Teilnehmerfeldes ergeht sich hingegen entweder in kosmischer Schau (Himmel, Berge, Meer, Heimat und Gliedmaßen von Großmüttern), zeilenumbrochenen Reiseimpressionen (wäre ein Gedankenbuch nicht ästhetisch redlicher und ergiebiger gewesen?), Datumsspäßchen und poetischen Fingerübungen, die sich selbst als politisch zu verstehen geben und nicht lange fragen. Ich habe mich noch nie so sehr nach Diskurspop gesehnt wie nach beinah jedem Reinblättern ins Klassenzielbuch von „Babelsprech“ und dem damit verbundenen Unbehagen. All dieser Beschwur von Alleinstellungsmerkmalen, verhauchter Innerlichkeit! Tiraden und Stänkereien, die ich so läppisch noch nie gelesen hab!

(…) Ein elaborierter performativer Zugang zu diesem Teil Kunst, Sprachkunst, ist also unerlässlich. Wo Mündlichkeit auf dem Papier eine lebendige Konkretion sucht, muss nicht nur Skepsis walten, es braucht auch sprachphilosophische Expertise („Akademismus! – Ach, Stammtisch …“), sonst wird jeder Motivballast (Himmel, Ich, Nebel, Wir, Tiere, Meer, Ficken) unerträglich; Germanistikstudium hin, Germanistikstudium her. Nicht von ungefähr sind es die Beiträge von Richard Duraj, Jan Skudlarek, Sonja vom Brocke, Sascha Kokot, Sophie Reyer, Georg Leß und Léonce Lupette, die (obwohl anscheinend auch gehörig Autobiographisches mitnotiert wird) nicht aufs Niveau naiver Bekenntnislyrik oder aufgesagter Gedankenlyrik herabsinken.

Es könnte auch passieren, dass die boshaften Meisterwerke von Jenny-Mai Nuyen, Charlotte Warsen, Maren Kames und Irmgard Fuchs ebenfalls als Bekenntnislyrik passieren oder eine vampiristische Art der Verballhornung davon. Die vier Dichterinnen machen aber etwas ganz anderes, wodurch ihre Texte dem Sich-Verheddern in hubernd kleingeschriebenem Parlando entgehen. (…)

Der poetische Nihilismus von Irmgard Fuchs, Maren Kames, Jenny-Mai Nuyen und Charlotte Warsen hält das Niveau dieses Buchs hoch, ich traue ihrer Poesie, vielleicht gerade weil es sich um Kommunikationsharakiri handelt. Ihre Texte bilden den Kern desjenigen Bereichs der Sammlung, der nicht Schlafsaal ist, sondern wohl eher die Abflughalle. (…)

Hervorzuheben sind außerdem die visuellen Arbeiten von Andreas Bülhoff und die Collagen von Dagmara Kraus. Als „maßgeblich“ würden die geschätzte Kollegin und der geschätzte Kollege ihre Beiträge aber vielleicht selbst nicht einschätzen. Ihre Arbeiten überragen auch keineswegs die Arbeiten auf dem Grenzbereich von Grafik und Poesie von Simone Kornappel, die in der Anthologie nicht vertreten ist. Überhaupt: Es fehlen viel zu viele entwickelte poetische Positionen  (nicht Beitragende), um den Ruf, den die Anthologie gern genösse in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Es ist viel zu viel desselben drin, um von einem „Verzeichnis maßgeblicher deutscher Dichtung“ oder auch nur von „größtmöglicher Aufmerksamkeit für das weite Spektrum poetologischer Zugänge innerhalb der Gegenwartsdichtung“ seriös die Rede führen zu können.

(…) Eine maßgebliche Anthologie macht das aus dem vorliegenden (sehr abgeschlossenen) Buch nicht. Und doch steht es in einer Reihe wichtiger Maßnahmen, der Poesie per Buch etwas mehr Aufmerksamkeit über die Szeneränder hinweg zu verschaffen; etwa die beiden Bände der Anthologie Der gelbe Akrobat (poetenladen, ³2011 und 2016), die von Christian Lux edierte Anthologie freie radikale lyrik (luxbooks, 2010) oder das von Ron Winkler herausgegebeneNeubuch (yedermann, 2008). Das bleibende Verdienst des mit Lyrik von Jetzt 3 verbundenen und sicherlich nicht abgeschlossenen Projekts ist es, eine beachtliche Anzahl verschiedener Akteur_innen lokaler Szenen unübersehbar miteinander ins Gespräch gebracht zu haben. Das versuchen diverse Literaturhäuser, Verlagsblogs, Festivals selbstverständlich auch – „Babelsprech“ ist es gelungen. Das ist ein nachhaltigeres Verdienst als so ein blassgrünes Buch.

Babelsprech in L&Poe

Debatten bei Facebook hier und hier

4 Comments on “So ein blassgrünes Buch

  1. an verschiedenen stellen bei facebook läuft die debatte. jemand meint, durch ames‘ rezension könnten sich viele „ans bein gepinkelt“ fühlen. löscht dann aber seinen kommentar wieder. bertram reinecke schreibt an anderer stelle: „Man müsste zwar eigentlich von einem Verriss sprechen. Andererseits werden hier viel mehr Dichter nicht nur würdigend sondern auch begründet hervorgehoben, dass man gleichzeitig von der Rezension sprechen kann, die diesem Gegenstand am achtungsvollsten gegenübertritt.“

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  2. Wäre es nicht sinnvoller, meine aktuellen Fragen an die Rezension wiederzugeben, anstatt eines Kommentars, den ich gelöscht habe?

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  3. Er steht doch leicht auffindbar unter dem Link. Nur meine Antwort stand plötzlich wie Morgensterns Zaun „etwas dumm / mit Worten ohne was drumrum / Ein Anblick, gräßlich und gemein. / Drum zieht ihn der Senat bald ein.“ Darauf können wir nun auch warten.

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