Der Bräutigam

Zwei Jahre später hat sich Erika Mann mit ihrem politischen Kabarett «Die Pfeffermühle» erfolgreich auf die Abschussliste der Nazis gespielt. Nun ist sie auf der Suche nach einem attraktiven Heiratspartner – oder vielmehr einem heiratsfähigen Mann mit attraktiver Nationalität. Es ist keine einfache Situation: Erika Mann weiss, dass ihr Zukünftiger kein Karrierist sein darf, da ein solcher keine Zweckehe eingehen würde; zugleich fürchtet sie, in ihrer prekären Situation finanziell ausgenutzt zu werden. Und die Zeit rennt ihr davon.

Auf fast wundersame Weise offenbart sich in letzter Sekunde eine perfekte Lösung. Am 15. Juni 1935 gibt Erika Mann dem linksliberalen britischen Dichter W. H. Auden, der sich während seines Berlin-Aufenthalts Ende der Goldenen Zwanziger für ein unkonventionelles Leben, die Kunst, die gleichgeschlechtliche Liebe und gegen den Deckmantel einer Ehe entschieden hatte, das Jawort. Unabhängig von ihrer Eheschliessung in der englischen Kleinstadt Ledbury wird Erika Mann fast gleichzeitig die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, was sie in einem Brief mit einer Sottise kommentiert: «Komisch ist, dass wir (seit geraumer Zeit ganz stillverlobt) gerade in den Tagen heirateten, in denen meine Ausbürgerung von den Nazis beschlossen worden sein muss (wie können Deutsche eine Engländerin ausbürgern, das Kunststück bringt nur Hitler fertig!). Ich erfuhr von ihr erst nach meiner Rückkehr aus England, – wo ich nun artiges ‹subject› bin.»

Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn diese Geschichte einer durch den Nationalsozialismus nötig gemachten deutsch-englischen Schutzehe an dieser Stelle endete. Doch bemerkenswerterweise blieben Wystan Auden und Erika Mann, die sich erst am Vortag ihrer unzeremoniellen Hochzeit kennengelernt hatten, 34 Jahre lang verheiratet – bis der Tod sie schied, als Erika Mann 1969 starb. Obwohl sie ihre Ehe nie vollzogen, hingen beide an der verrückten Geschichte, die Zeit und Zufall geschrieben hatten. / Hannah Arnold, NZZ

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