„Seelenschau To Go“

Liebe, Lust, Karriere, Zukunft: Was immer den Menschen auf der Seele liegt, Lynn Gentry schreibt ein Gedicht dazu. Der New Yorker Spontandichter sitzt in einer U-Bahn-Station vor einer alten Schreibmaschine und textet aus dem Stegreif. „Pick a subject and a price, get a poem“ (Such’ dir ein Thema und einen Preis aus, bekomme ein Gedicht.) steht auf einem Pappschild am Klapptisch des 28-Jährigen. Es gab schon Passanten, die sich ein Gedicht über Drohnen des US-Militärs oder Sex mit Transvestiten wünschten.

„Seelenschau To Go“ – die Leute stehen Schlange beim U-Bahn-Poeten. Offensichtlich gibt es ein großes Bedürfnis, den eigenen Gemütszustand in ein Gedicht verpacken zu lassen. „Lyrik ist auch immer ein Seismograph des Geisteszustands einer Gesellschaft“, schreibt Heike Kunert in der Zeit. Wir lesen also Gedichte, um etwas über uns selbst zu erfahren, einen neuen Blick auf die Realität zu bekommen, neue Perspektiven zu eröffnen. Was Dichter dichten, wird zum Spiegel für die Gesellschaft und die Zeit, in der wir leben.

Wir brauchen es schnell, intim und individuell – das zeigt der Erfolg der New Yorker Fast-Food-Gedichte. Doch was sagt uns die deutschsprachige Lyrik, die in Gedichtbänden gedruckt oder auf Literaturbühnen vorgetragen wird? In ihrem Spiegel sehen wir die Sehnsucht nach der Natur und Tieren, viel Beschäftigung mit dem eigenen Ich und Befindlichkeiten. Politisches findet sich in der aktuellen Lyrik kaum. Der Blick geht nach innen, nicht nach außen. Aber schauen wir einmal genauer hin. / Jana Wolf, Mittelbayerische

Hingeschaut wird auf: Jan Wagner, Ulrike Draesner, Caroline Callies, Nora Gomringer, Kenneth Goldsmith, Eric Jarosinski.

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