Puisi

Puisi: Mit diesem Lehnwort bezeichnet man in Indonesien das einzelne Gedicht, zudem die Lyrik als literarische Gattung. (…)

Auch die moderne indonesische Literatur bedient sich der malaiischen (= indonesischen) Sprache. Insofern ist sie Erbin der reichen traditionellen bzw. klassischen malaiischen Literatur. Sowohl inhaltlich als auch formal löste sie sich jedoch von der Tradition und wird daher zu Recht als «modern» bezeichnet. (…) Man kann durchaus sagen, dass die moderne indonesische Literatur ein Resultat des Einflusses westlicher Kultur auf Indonesiens intellektuelle Elite ist. Dasselbe gilt für die moderne Lyrik. Es ist Lyrik von autonomen, individualistischen Dichtern, die sich der malaiischen Sprache bedienen, die heute «Indonesisch» heisst.

Die moderne indonesische Lyrik bricht nicht vollständig mit der Vergangenheit. Sie knüpft an das reiche lyrisch-poetische Erbe an, an die Verskunst sowohl der schriftlich als auch der mündlich tradierten Literaturen. Zu nennen ist insbesondere das Pantun, eine Gedichtform, die Adelbert von Chamisso im 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat. In seiner klassisch-malaiischen Variante handelt es sich hierbei um eine Quartine, deren Zeilenpaare durch parallele Lautfolgen und Satzstrukturen miteinander verbunden sind. Die Parallelität von sachlicher Naturdarstellung und Gefühlsausdruck wurde zum Prinzip der Pantun-Tradition. (…) Das Pantun, das insbesondere in Frankreich viele Nachahmer fand (Victor Hugo, Charles Baudelaire, Paul Verlaine), ist sicherlich einer der wichtigsten Beiträge Indonesiens zur Weltliteratur.

Die grossen Namen der modernen indonesischen Lyrik sind bei uns nahezu unbekannt. Völlig zu Unrecht, wie jeder zugestehen wird, der sich mit Gedichten von Chairil Anwar, Rendra, Sapardi Djoko Damono, Agus R. Sarjono oder Dorothea Rosa Herliany auseinandersetzt, die hier beispielhaft für Dutzende weitere Lyriker und Lyrikerinnen genannt seien, deren Werke nicht minder interessant und faszinierend sind. / Berthold Damshäuser, Neue Zürcher Zeitung

One Comment on “Puisi

  1. Es freut mich in der Tat, dass Herr Damshäuser in der NZZ zu Wort gekommen ist. Es kommt sehr selten vor, dass Experten zu Wort kommen – zumal Berthold Damshäuser sehr große Verdienste hat um die Vermittlung indonesischer Literatur im deutschsprachigen Raum.

    Damshäusers Artikel ist sehr informativ und wagt den Gang ins Detail. Für mich ergibt sich dennoch ein schiefes Bild. Konkret: Bislang habe ich noch in keinem einzigen Beitrag zum Thema „Indonesien als Gastland der Frankfurter Buchmesse“ in diesem Jahr etwas lesen dürfen zu regionalsprachlicher Literatur. Dies gilt für die Feuilletons der großen Zeitungen ebenso wie für die Beiträge im gebührenfinanzierten Rundfunk. Auch Damshäuser macht keine Ausnahme.

    Zur Erklärung: Indonesisch-Malaiisch ist in erster Linie lingua franca und nur für wenige Indonesier die Muttersprache. Wo bleibt die so gern beschworene Vielfalt? Stattdessen das ewige Einerlei, mit teilweise seit Jahrzehten bekannten Namen, deren übersetzte Bücher allzu oft nur gebraucht erhältlich sind.

    Ein Beispiel: Zeitgenössische Lyrik in javanischer Sprache fällt völlig unter den Tisch. Javanisch ist immerhin die Sprache Indonesiens mit der größten Anzahl an Muttersprechern (80 Mio. plus x). Selbstverständlich gibt es javanische Lyrik… Wo bleibt dann der ganze Rest? Indonesien ist immerhin ein Land mit drei Zeitzonen, wo Hunderte unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Und ja, man kann es gar nicht anders sagen, Indonesien ist ein vielfältiges Land. Diese Vielfalt wird jedoch selektiv nach außen vermittelt. Für Literatur aus Indonesien heißt dies: Indonesischer Einheitsbrei.

    Grund hierfür ist m.E. Staatsideologie Indonesiens. Das Indonesische wurde nach der Unabhängigkeit mit aller Kraft als Nationalsprache forciert. Die Regionalsprachen werden bis heute systematisch marginalisiert. So ist es z.B. selbst in einer Großstadt wie Bandung gar nicht so einfach, gedruckte Literatur auf Sundanesisch zu finden, also in der Sprache der dort ansässigen Ethnie der Sundanesen. Es sei angemerkt, dass viele indonesische Autoren nicht zuletzt deswegen auf Indonesisch publizieren, um einen größeren Leserkreis zu erreichen. Aber eben nicht alle. Zumal wenn es um Lyrik geht. Zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker in Indonesien bedienen sich durchaus ihrer Muttersprache…

    Nun denn: Soweit mir bekannt ist, wurden alle Buchtitel des diesjährigen Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse aus dem Indonesischen übersetzt. Insofern ist es sicherlich nicht richtig, von Indonesien als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zu sprechen. Vielmehr sollte es heißen: „Literatur in indonesischer Sprache zu Gast“ oder wie auch immer. Indonesien als Land mit unterschiedlichen literischen Traditionen ist auf der Buchmesse ganz gewiss nur teilweise literarisch vertreten. Vielfalt sieht anders aus.

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