Europa

Der Schriftsteller Navid Kermani sprach mit dem Magazin Eulenfisch über den Skandal der europäischen Flüchtlingspolitik.

Die Fragen stellte Christopher Paul Campbell

Sie gingen bereits 2001 in Ihren detailreichen Aufsätzen und Reportagen, etwa in »Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen«, aufgrund von Beobachtungen, die sie auf ihren Reisen in Nordafrika und dem südeuropäischen Mittelmeerraum gemacht haben mit Europa hart ins Gericht. Manche sagen, sie schimpfen über Europa. Stimmt das?

Ich schimpfe über Europa, weil es mir etwas bedeutet. Diese oft belächelte oder so verächtlich gemachte Europäische Union ist ja eine der größten Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte.

Sie sagen: Europa tötet jeden Tag. Was ist an diesem Projekt gelungen?

Frieden zu schaffen auf einem so kriegerischen, vom Nationalismus entstellten Kontinent. Ich kann mich an meine eigene Schulzeit erinnern, da hatten meine deutschen Mitschüler noch in den frühen 80er Jahren Probleme, eine französische Gastfamilie zu bekommen, weil die meisten französischen Großeltern keinen Deutschen bei sich zu Hause haben wollten. Deutsche sollten nicht mal ihr Haus betreten dürfen, so zerrüttet waren die Verhältnisse noch. Aber das europäische Projekt ist nicht nur ein Friedensprojekt, es ist auch ein Projekt der Aufklärung. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von klugen, ja genialen Politikern verwirklicht, aber als Projekt wurde es im 19. Jahrhundert von Dichtern und Denkern geschaffen, gerade auch solchen, die nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehörten, um einen heutigen Begriff zu verwenden.

Was trugen kulturelle und religiöse Minderheiten zum Projekt Europa bei?

Besonders in Auseinandersetzung mit dem Aufkommen von Nationalismus und nationalem Chauvinismus sind sie relevant. Nationalistische Chauvinismen in allen gesellschaftlichen Schichten versuchen, alle anders denkenden Gruppen und vor allem die kulturellen Minderheiten an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Gerade das späte 19. Jahrhundert zeigt, wie sehr etwa jüdische Intellektuelle Vorreiter des europäischen Projekts waren, indem sie auf Teilhabe drängten. Aussicht auf gleiche Rechte hatten die Minderheiten und hatten speziell die Juden nur innerhalb eines gemeinsamen europäischen, also multiethnischen, multikulturellen Gemeinwesens. / Weiter

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: