POLITISCHE POPLYRIK

„gedichte sind nur noch gedichte … alle geister sind angestellte der werbung“
Tom de Toys alias Bruno Brachland

G&GN-INSTITUT / Im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ untersuchte Johannes Ullmaier 2001 den Unterschied zwischen echter Pop- und seichter Popperliteratur. Im letzten Kapitel über Slampoetry war ein Auszug aus dem Gedicht „INFLATION“ zu hören. Es stammt von 1993 und eröffnet die PDF-Publikation „HYSTERiE HELAAF!“ von Tom de Toys, die nun in einer erweiterten 3.Auflage vorliegt. Das Finale bildet das aktuelle Antigedicht seines Pseudonyms Bruno Brachland. Während der Untertitel in den ersten beiden Auflagen noch lautete „Gedichte zum Mondanheulen“ heißt es jetzt: 15 Direkte Gedichte gegen die Betriebsamkeit. De Toys zählt zu einer Mikroszene politischer Dichter, die vom Feuilleton nicht nur totgeschwiegen werden, sondern weit schlimmer: deren „engagierte“ Literatur dank der Ignoranz der Medien angeblich gar nicht existiert. Der Ruf nach einer fehlenden Politisierung ist zwar wieder in Mode gekommen, aber die diesbezüglichen Dichter, die nie unpolitisch waren und seit Jahrzehnten gesellschaftskritische Lyrik publizieren, bleiben unbeachtet, weil der biedere Blick nicht über den Tellerrand von Preisträgern und Standardanthologien hinausreicht. Dabei liegt die Wahrheit manchmal nur einen Mausklick entfernt… Kostenloser PDF-Download @ www.POPLYRIK.de – das Gedicht „INFLATION“ ist außerdem vollständig zu hören hier: www.ANTILYRIK.de

Bruno Brachland Nr.68, 31.7.2015 © POEMiE™

NEUROLOGISCHE DESILLUSIONIERUNG

ich habe vergessen warum man gedichte schreibt ich habe vergessen wozu man gedichte schreibt ich habe vergessen warum und wozu und wie man gedichte schreibt ich habe verlernt wie sich gedichte von selber schreiben ich frage mich andauernd was soll man denn schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben ich sehe die welt und ich sehe die menschen ich sehe die sterne und die natur alles ist da alles existiert alles hat einen namen und alles verschwindet die liebe die sehnsucht die hoffnung und gott jede blume die blüht jedes baby das schreit jeder soldat der verteidigt jeder präsident der betrügt jedes volk das verzweifelt jede tierart die ausstirbt jedes essen das sättigt jede sportart die spaß macht das ganze leben das ganze universum das ganze sein ist nur vorläufig vorhanden ist nur in dieser sekunde in diesem einzigartigen augenblick jedes problem erledigt sich irgendwann ganz von selbst es verschwindet und hinterlässt keine spur jeder mensch der jetzt jammert wird irgendwann nie wieder jammern und jeder mensch der keine sorgen hat wird irgendwann nie wieder keine sorgen haben ich rede hier nicht vom normalen tod der sowieso irgendwann kommt sondern davon daß auch der tod irgendwann nicht mehr kommt weil einfach gar nichts mehr kommt wenn alles verschwindet wenn alles weg ist wenn die unendlichkeit in ihre eigene leere zurückkehrt das ganze treiben im hauptbahnhof das ganze treiben über die weltmeere die partys und die parolen die ängste der hass und der neid die gefahren und alle gedanken alle gedanken sind nur gedanken über gedanken über gedanken was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben wenn wörter nur wörter sind wie rosinen rosinen galaxien galaxien und kaulquappen kaulquappen gedichte sind nur noch gedichte das göttliche badet nicht mehr in buchstaben der sprachschaum besteht nur aus hörbarer luft alle geister sind angestellte der werbung

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