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Gomringer inszeniert sich gern und gut: Mit bunten Klamotten, kräftigen Klunkern – und mit Gedichten! Sie komme aus der Hip-Hop-Kultur, sagt sie, und habe schon deshalb keine Hemmungen, ein Ich zu nutzen, sei es nun biografisch besetzt oder nicht. In ihren Lesungen spaltet sie sich in viele Personen auf, die alle «ich» sagen können: Da ist eine Person namens N. G. physisch anwesend, die von einer anderen Person namens N. G. erzählt, die wiederum von einer dritten Person gefragt wird: «Was macht ein Gedicht aus?» Die letzte Zeile des Gedichts lautet: «Nora Gomringer macht das Gedicht. Aus.»
Derart raffiniert-leichtfüssige Wendungen und die Brillanz ihrer Auftritte haben Gomringer den Vorwurf eingetragen, ihre Texte seien zu nett und lediglich Hilfsmittel für ihre Performances. Beides ist falsch. Die Texte sind auf Eigenständigkeit und Langlebigkeit hin angelegt, und sie sind weder gefällig noch durchweg leicht verständlich. Viele sind düster. Wer Gomringers Texten und ihren sonstigen Äusserungen genauer zuhört, spürt im Hintergrund Unruhe und Unglück. Sie kämpft um ein Bewusstsein ihres Alters – mit 35 ist man weder alt noch jung. Sie ist oft unzufrieden mit ihrem Körper, kennt Liebesleid, Einsamkeit, Verletzungen aller Art. Sie ringt um Ausdruck für ihre Empörung über Gesellschaft und Politik.
Was sie allerdings auszeichnet, ist ihr tiefes Vertrauen in die Sprache. Und die Selbstverständlichkeit, mit der sie Literatur und Kunst als natürlichen Teil des Lebens sieht. In einem ihrer Gedichte sagt sie:
«Ich mache das nicht zum Vergnügen
Das Auflösen in Sprache
Wie eine Tablette
Und vor ihr der Schmerz
(…)»
/ Felix Schneider, WOZ
Nora Gomringer tritt am 8. August 2015 in Winterthur im Park der Villa Jakobsbrunnen auf. www.lauschig.ch(link is external)
Nora Gomringer: «achduje». Verlag Der gesunde Menschenversand. Luzern 2015. 152 Seiten. 23 Franken.
Nora Gomringer: «Morbus». 25 Gedichte. Mit CD und Illustrationen von Reimar Limmer. Verlag Voland & Quist. Dresden und Leipzig 2015. 64 Seiten. 26 Franken.
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