W.B. Yeats

Aus einem Essay von Armin Steigenberger (bei Signaturen), geschrieben zum 75. Todestag am 28. Januar 2014. (Dort neben zahlreichen originalsprachigen Gedichten auch eins in der Übersetzung von Günter Plessow). Heute vor 150 Jahren, am 13. Juni 1865, wurde William Butler Yeats geboren. 

(…)

Die eindringliche Intonation englischsprachiger Dichter macht etwas mit mir, sie rührt viel an. Sie lässt mich sogar ein wenig erschauern. Kennengelernt habe ich sie beim Waliser Dylan Thomas. Auch der Vortrag Double You Bee Yeats’ (wie er im Englischsprachigen häufig genannt wird) hat jenen mitreißenden, halbentrückten Ton (auch „keltischer Gesang“, in dem vielleicht ein Anklang an keltische Barden fortlebt), der mir sehr charakteristisch vorkommt. Er scheint mir auch ein Schlüssel zum Verständnis englischsprachiger Dichtung zu sein. Da fange ich plötzlich an zu begreifen, warum deutsche Lyrik ein wenig den Ruf hat, verkopft und tönern-erhaben, mehr Vorlese- als Sprechkunst zu sein. Bombastisch und grau. Faustisch und dunkel. Auch bei zeitgenössischer amerikanischer Poesie hatte ich schon häufig das Gefühl, die doch manchmal etwas schwarzweiße Welt plötzlich (wieder?) in Farbe zu sehen.

Literarisch begegneten mir in Irland hauptsächlich vier Namen: James Joyce, Samuel Beckett, Oscar Wilde und W. B. Yeats, auch „The Four Dubliners“ genannt. Vor allem letzterer wird als Nationalheld gefeiert – erhielt er doch so manche hochdotierte Auszeichnung, nicht zuletzt den Nobelpreis 1923.

(…)

Der junge Yeats hat sich mit Blakes Prophetischen Büchern beschäftigt und wurde später Mitglied der diskreten magischen Gesellschaft, der Hermetic Order of the Golden Dawn.

„(…) was Yeats von anderen Dichtern unterschiede, sei eben seine Vertiefung ins Übernatürliche (…) Bis zum heutigen Tag scheint doch sein Verlangen nach dem Okkulten, nach Geistern, Feen und nach uralten Halbgöttern vielen seiner Bewunderer unverständlich (…) Niemals gab er seinen frühen Entschluß wirklich auf, die dichterische Arbeit als seine Hauptaufgabe, die Welt der Magie aber als sein zweitwichtigstes Anliegen zu betrachten. Und mit Magie meinte er – wie wir wissen – das einzig Wahre: mühselige Auseinandersetzungen mit Geistern und regelmäßigen, systematischen, rituellen Umgang mit dem Reich des Übernatürlichen und Übersinnlichen“. (Ted Hughes, Wie Dichtung entsteht. Das poetische Ich: T.S. Eliot zum 100. Geburtstag.) Wo Yeats‘ Symbolismus für manche nicht wirklich verständlich ist, ist sein starkes Interesse für Magie für Rationalisten noch schwerer zugänglich.

(…)
O DO NOT LOVE TOO LONG

SWEETHEART, do not love too long:
I loved long and long,
And grew to be out of fashion
Like an old song.

All through the years of our youth
Neither could have known
Their own thought from the other’s,
We were so much at one.

But O, in a minute she changed –
O do not love too long,
Or you will grow out of fashion
Like an old song.

Der melancholisch-innige Klang mancher Gedichte Yeats‘ ist einzigartig. Es ist ein Zauber darin, dazu die Bescheidenheit, bei kleinen Gegenständen bleiben zu können. Gleichzeitig steht in diesem Gedicht die unerwiderte Liebe, die er selbst erlebte, mit der lange Angebeteten. Maud, eine große Frau mit langen rotgoldenen Haaren und braunen Augen, stets gut gekleidet, mit einem dramatischen Zug um den Lippen und in der Haltung einem Modell der Präraffaeliten ähnlich. Yeats traf Maud, als sie 22 und in puncto irischem Nationalismus bereits sehr engagiert war: sie für ihn eine hinreißende revolutionäre „Irish Beauty“, er für sie ein arm, verträumt und naiv aussehender Schüler. Unter dem Eindruck des Osteraufstandes Éirí Amach na Cásca (englisch Easter Rising) 1916 stieg W.B. Yeats aus seinem Elfenturm symbolistischer Wortkunst herab. Die Schauspielerin Maud Gonne hat Yeats politischen Eifer beflügelt.(…)

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