Ohne Mitte und Mauer

W.H. Auden (1907-1973) war einer der großen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wirklich populär ist er heute jedoch nicht – sein Werk lässt sich weder leicht erschließen noch nebenbei goutieren: „Increasingly one must respond to his poems as a mind, not a creature of feeling.“ Es fordert Aufmerksamkeit sowie Konzentration; erst dann entfaltet es eine zeitlose Relevanz, ja einen Zauber, der Worte für das bislang Begrifflose findet.

Mit „City without Walls“ (1967) gelingt Auden ein lyrisches Röntgenbild New Yorks in Form einer „vigorous jeremiad“, eines Klagelieds. Von der ’Stadt ohne Mauern’ wird ein großes zivilisationskritisches Schreckensbild entworfen, wobei die fehlenden Wände nicht nur eine durchdringende, scharfsichtige, vor allem schonungslose Analyse der urbanen Zustände ankündigen. Vielmehr klassifizieren sie die moderne Megacity als mittelpunkt-, grenzen-, gar charakterlos, als gewissermaßen ungezügelt: „Those fantastic forms, fang-sharp, / bone-bare, that in Byzantine painting / were a short-hand for the Unbounded / beyond the Pale, unpolicied spaces / where dragons dwelt and demons roamed“ (1. Strophe). Als topographisch amorphes, unendlich erweiterbares Phänomen ohne Mitte und Mauer kontrastiert New York, allein Wirtschaft und Ökonomie verpflichtet, die geschlossene antike Polis oder festummauerte mittelalterliche Stadt. / Nathalie Mispagel, literaturkritik.de

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