Yennecott

Yennecott ist eine frühere Bezeichnung für die Insel [Long Island], die jetzt drei Flughäfen trägt für Gegenden zur Naherholung sehr vermögender New Yorker. Und in Yangs Text wird eine Verzichtserklärung zitiert, die die Insel ins Eigentum der europäischen Siedler übergehen lässt. Damit verbunden aber auch die Auslöschung der Namens Yennecott. Geschichte ist an Stellen von Natur überwuchert.

Yang kompiliert in seinem Text Beobachtungen und Dokumente, die er zitiert, die er in Verse bricht, und die dadurch etwas von dem preisgeben, was sie verdecken sollten, und worin ihre Intention lag. Dazwischen referiert er historische Ereignisse und Mythen. Der Text ist kaleidoskopisch, und er versucht nicht zu kitten, nicht – wie die kolonialistische Tradition es verlangt – eine konsistente Erzählung der Vergangenheit zu liefern. Denn der Text weiß, dass die Konsistenz nur durch die Unterdrückung bestimmter Momente, Störgeräusche gelingen kann. Auch die Erzählung vom Indianer als edlem Wilden ist eine kolonialistische.
Und vielleicht ist das, was Yang da macht, nur in einem Langgedicht zu leisten, weil es den Epen, die die Pfahlwurzeln unserer Kultur sind, eine ebenfalls epische Form entgegensetzt, aber eine, die Geschichte in Schichten abträgt.

Es ist, als deckte Yang – indem er die koloniale Erzählung, die angetrocknete oberste Schicht also, aufbricht, wegnimmt – ein nicht zu ordnendes Ganzes auf, das aber nur in Versatzstücken erscheint. Zumal mit der Auslöschung der Kultur den Natives, deren Überlieferung eine orale war, auch die Mythen ausgelöscht wurden. Erhalten haben sich Worte und Rekonstruktionen in Weißen Erzählungen, denen genau so wenig zu trauen ist, wie der Internetenzyklopädie. Zu bewahren wäre das Bewusstsein eines Verlustes. Und diesen Verlust macht Yang deutlich. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen (Mehr)

Jeffrey Yang: Yennecott. Gedicht. Engl./dt. Übersetzt von Beatrice Faßbender. Berlin (Berenberg Verlag) 2015. 96 Seiten. 19,90 Euro.

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