Gegen den Kanon

Jeder Überragende schickt ein Dutzend Große in die Kälte der Vergessenheit. Ein Celan verdunkelt die Eich, Lehmann, von der Vring, Bobrowski und Lavant. Die wir sonst stets die liberale Vielfalt preisen, anerkennen unbeirrt den Monarchen, den Ersten und Einen, die führende Größe, die die schwach Lesenden zusammenhält und ihnen Orientierung bietet. Obgleich doch die Kunst in Höchstformen nur existiert, weil sie im Ganzen von den Vielverschiedenen geschaffen wird. Man muss sogar dem Ranking, das die Geschichte selbst, die Überlieferung vornimmt, zuwider lesen. Erst dann verdient man das kleine und seltene Ehrenabzeichen des Lesers.

Botho Strauß vor 12 Jahren in einem Artikel in der „Zeit“ (26/2003), der an den Dichter Konrad Weiß erinnert.

Mitten im 20. Jahrhundert gab es zum Beispiel in Deutschland einen Mystiker-Dichter, einen spröd sprechenden Nachfahren der Böhme, Tauler und Baader, und er hieß Konrad Weiß. Sohn eines Metzgers und Landwirts, wuchs er in einem Dorf in Nordschwaben auf, unweit der Stammburg der Staufer, sodass, wie es ihm selber schien, seine Landsmannschaft ihn zeitlebens an das Mittelalter band und er in seinem Kunstsinn, darin Rudolf Borchardt ähnlich, zu einem Enthusiasten der Frühe wurde. Nach einem abgebrochenen Studium der Theologie, dem Verzicht auf das angestrebte Priesteramt begann er seine schriftstellerische Laufbahn bei der katholischen Kulturzeitschrift Hochland und wechselte von dort in das Kunst-Ressort der Münchner Neuen Nachrichten, der Vorläuferin der heutigen Süddeutschen Zeitung. Hier übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1940 den Brotberuf des Redakteurs, des Journalisten aus.

Wenn man heute die für die Zeitung verfassten Reiseberichte und kunstgeschichtlichen Abhandlungen liest, gesammelt etwa in dem Band Deutschlands Morgenspiegel, über Internet-Antiquariate leicht erhältlich, dann staunt man nicht schlecht, welche Gedankenabenteuer und sprachlichen Unbequemlichkeiten einem Feuilleton-Publikum damals zuzumuten waren. Und das unter dem wachsenden Einfluss eines ästhetischen Grobianismus, wie er von den Nationalsozialisten propagiert wurde.

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