Die Abrechnung

Bei Booknerds ein Interview mit Tom Bresemann – „Alles zu Pegida, mittelmäßigsten Gedichten, der Szene, dem Teilen der Bewegung. Claudia Roth, Jan Wagner, Jesus, Ton Steine Scherben, Luther, Brinkmann, Kaiser Bismarck Porträts, Putin, Merkel, NSU, und nicht be- sondern glückendes Schreiben, die Stones, linke Wichser“. Auszug:

Wenn man denkt, es gibt etwas wie mündige Leser und ich will ihnen mündige Gedichte anbieten, dann kann ich nicht so tun, als wüsste ich mehr als sie. Gerade wenn man sich mit ethisch, moralisch oder sogar juristisch bewertbaren Dingen beschäftigt, kann es im Gedicht nicht darum gehen, jemandem zu sagen: “Schau mal, das ist gut, das ist böse; gut, dass ich’s dir sage, wenn du es selber nicht schnallst.” Auch nicht: „Schau mal wie toll der Tisch ist und wie toll man ihn jetzt durch mein Gedicht anfassen kann.“ Sondern lass uns mal darüber reden, wie wir reden, wie wir kategorisieren und wo unsere Sinne zusammenlaufen. Jetzt kannst du natürlich sagen „die Sinne sind der Quell, wer will uns damit locken?“ – Aber das ist ja sowieso alles Jesus-Kram, ein Jesus-Propaganda-Gedicht.

(…)

Die Rezeption und Produktion meiner Gedichte sind demokratische Vorgänge. Und daraus entstehen Gedichte, die in undemokratischen Ländern zensiert werden könnten. Etwa Sachen wie: “Ich will auf gar keinen Fall wie ein Schwuler diskriminiert werden.” Oder: “Jeder kennt einen Antisemiten, den er mag”. Eine Zensurbehörde funktioniert ja so, dass es drei Fälle gibt: Jemand äußert sich negativ zu etwas, zu dem er es nicht sollte. Jemand äußert sich positiv. Oder jemand äußert sich so, dass man es nicht versteht. Und nur der positive Fall ist für diese Behörde ok.

Aber wenn jemand sich zwischen negativ und positiv äußert, ist das auf eine viel schwierigere Art nicht ok, weil man nicht weiß, ob es eine Art von Subversion hat. Aber: Das bestärkt eine Rezeptionshaltung, die Dinge grundsätzlich in Frage stellen möchte, die bei jedem Inhalt sagt: ‘Aha, ok, ich schau mir das noch einmal von einer anderen Seite an. Und von noch einer anderen Seite.’ Und ich lese es drei, vier, fünf Mal. So zu schreiben und so zu lesen schult eine Art von kritischem Bewusstsein, welche nur in einer demokratischen Gesellschaft Platz hat. Und deshalb würde ich sagen, dass meine Gedichte demokratische Gedichte sind.

Würdest du sagen, dass es eine Art Zensur in einer demokratischen Kultur gibt?

In Bezug auf Gedichte schönerweise nicht. Wir leben ja jetzt nach einer neuen Zeitrechnung, zwei Tage nach Beginn der Wagner-Ära. Jetzt finden alle Lyrik wichtig, weil Jan Wagner den Buchpreis gewonnen hat. Jetzt gibt es einen Markt dafür. Aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir jetzt in einer neuen Zeit leben. Die Zeit vorher war dadurch bestimmt, dass man Lyriker einfach machen ließ. Weil es ja eh keiner liest, und es keinen interessiert. Jeder Lyriker in Deutschland findet früher oder später einen Verlag, der seinen Scheiß druckt; weil es nicht viel kostet.

Keiner von uns will 10.000 € Vorschuss haben. Lyriker sind meist die, die selber Verlage gründen und sich spätestens mit dem fünften oder zehnten Buch selber verlegen. Und das Schöne an der Lyrik-Szene in Deutschland und Berlin der letzten zehn Jahre ist, dass es etwas für alle ist, dass du die mittelmäßigsten, langweiligsten und beschissensten Gedichte schreiben kannst, aber es trotzdem ein Publikum dafür gibt. Und das ist nicht einmal unbedingt kleiner als das von Jan Wagner oder irgendwem anders. Das ist ein komplettes Feld von: Alles geht.

(…)

Ich versuche mich, aus einem Jan-Wagner-Lawinenthema rauszuhalten. Aber meine These ist: Dieser Hype zementiert nur, was sowieso schon common sense ist. Würden jetzt die großen Verlage wieder ihre Lyrik-Reihen aufnehmen, die sie in den letzten Jahren alle eingestellt haben, dann würden die Freaks trotzdem nicht häufiger verlegt werden. Sondern die Naturlyriker, die Poesie, die poetisch sein will, die sagt: ‘guck mal her, ich bin ein Gedicht.’

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