Dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre

„Der Leser und Sammler Norbert Wehr überrascht sein Publikum immer wieder mit Neuem, Un-Erhörtem, nie Gesehenem“, schrieb Hannes Krauss (Uni DuE), als Norbert Wehr 2010 den Literaturpreis Ruhr erhielt. Die ZEIT nennt ihn einen „Scout, der uns zeigt, wie anderswo gedacht und gedichtet wird“, und der Standard einen Sammler „ungewöhnliche[r], schöne[r] und seltsame[r] dichterische[r] Erscheinungen“. Dabei ist die herausgeberische Tätigkeit Wehrs, die ja auch die kompositorische, mithin künstlerische Arbeit an jedem einzelnen Heft einschließt, mit all diesen Epitheta nur unzureichend beschrieben. Seine charakteristische Gestalt indes haben dem Schreibheft zweifellos die Dossiers gegeben, jene von Wehr ab Heft 22 in Zusammenarbeit mit Hermann Wallmann entwickelten polyphonen Arrangements, die verschiedene Stimmen (kontrapunktisch, antithetisch, einander ergänzend oder widersprechend) zu einem/r AutorIn, einer AutorInnengruppe oder einer Nationalliteratur zu Schwerpunkten zusammenführen.

So wurde das Schreibheft Mitte der achtziger Jahre – durch die Zusammenarbeit mit dem Amerikanisten Bernd Klähn – zu einem Katalysator der (verspäteten) Rezeption der amerikanischen Postmoderne in Deutschland, von Pynchon und Gaddis bis zu ihren Erben wie David Foster Wallace. Es zeigte seinen LeserInnen das durch den Krieg geprägte und zerfurchte Gesicht der Literatur Jugoslawiens – ob mit einem Schwerpunkt zu Danilo Kiš, einem Dossier über Bora Ćosić oder über „Die tragische Intensität Europas“ von Žarko Radaković und Peter Handke, das die Literatur Serbiens in den Blick rückte. Und mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre, hätten ihre AutorInnen (viele von ihnen emphatische Schreibheft-LeserInnen) nicht mancherlei Impulse und perspektivische Erweiterungen durch die Dossiers zur zeitgenössischen Poesie erfahren – etwa zur niederländischen, dänischen, belgischen, zur nordirischen oder v.a. zur englischen Lyrik.

(…)

Und im Mai erlebt Essen einen „Angriff der schwierigen Gedichte“. Am 11.5. wird der erst am Vorabend mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnete Charles Bernstein, ein herausragender Vertreter der L=A=N=G=U=A=G=E School um 20 Uhr bei Proust zu Gast sein, gemeinsam mit seinen Übersetzern Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Die Lyrik Bernsteins, die bereits mehrfach im Schreibheft in Übersetzungen vorgestellt wurde, präsentiert sich mal liedhaft, mal aleatorisch, oft poetologisch und gesellschaftskritisch, stets formal avanciert und radikal. Und da der 1950 in New York geborene Bernstein (derzeit Professor an der University of Pennsylvania) obendrein ein hin- und mitreißender ‚Performer’ ist, wird dieser ‚Angriff’ (so viel ist sicher) in Erinnerung bleiben!

Essen kann sich glücklich schätzen: Das Ruhrgebiet liegt zwar nicht am Meer, aber Essen hat mit Norbert Wehr und seinem Schreibheft einen Leuchtturm, dessen Licht weithin sichtbar ist, auch wenn es – wie das bei Leuchttürmen nun mal so ist – meist weniger von den Insulanern oder Küstenbewohnern, aber umso heller von den Reisenden und Navigatoren aus der Ferne wahrgenommen wird. / Maren Jäger, literaturkritik.de

 

Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft 84. Wider die Erhabenheit.
Rigodon Verlag, Essen 2015.
192 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783924071417
ISSN: 01742132

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