Linkssubversiver Spätpunk

Als Engstler 1986 mit dem Bücherverlegen begann, hatte er keinerlei Finanzkapital im Hintergrund. Das ist bis heute so. Sein Einmannbetrieb rechnet sich marktwirtschaftlich nicht. Engstlers Bücher, nunmehr knapp 200 und fast alle noch lieferbar, sind Nischenprodukte: Lyrik, experimentelle Prosa.

Das Bücherhaus hat etwas von einem verwunschenen Museum. Das Erdgeschoss sieht aus wie die Installation eines Buchladens mit Auslagen aktueller Titel, Tischchen mit Leselampe, Postkarten mit Agitpropsprüchen und Flugschriften unverständlicher Theorien. Das ganze Haus ist ein Speicher der Ideengeschichten. Lager und Archiv von der Beat-Generation über die Anti-Psychiatrie zur linksradikalen Subkultur.

„Es geht um das Bewahren“, wiederholt der eher linkssubversive als konservative Engstler. Denn die Hoch-Zeit dieser undogmatischen Rebellion, als sich Bücher wie „Rock-Power“ 200 000 mal verkauften, war ja schon in den 80er Jahren vorbei. Der Buchladen existiert theoretisch, wie ein abgeschlossenes Forschungsgebiet, denn praktisch kommt niemand. (…)

Engstler redet nicht gerne über seine eigene Dichterei. Wie jeder gute Verleger bringt er die Sprache immer wieder auf andere Autoren zurück. Dem großen „Indianer“ Burroughs hat er in Basel „die Hand geschüttelt“.

Von ihm hat er die „Cut-up“-Methode. Mit einfachen technischen Hilfsmitteln – einer Schere – wird da ein Text zerhackt und neu verklebt. Zeilen fallen, Bedeutungen verrutschen. Das Ergebnis dieser Zufalls-Montage ist Dekonstruktion von Sinn, im Wortverschnitt sollen sich neue poetische Assoziationsräume auftun.

Und kommen die Gedanken aus der Spur, spurt bald auch die Person nicht mehr. Hier ist der Keim zum Widerspruch, die Sprengkraft der Poesie.

„Die Revolution ist ein langes Gedicht. Jaja“, formulierte Helmut Salzinger einmal. Dessen Text-Collage „Swinging Benjamin“ von 1973, ein Klassiker der Pop-Kritik, ist inzwischen im Engstler Verlag wiederaufgelegt. Der ehemalige „Zeit“-Journalist Salzinger zog seinerzeit aufs Land, gründete die Kommune Head Farm, kaufte einen Fotokopierer zum Selbstpublizieren und schrieb von da an demütige Naturlyrik. Nach seinem Tod 1993 gab seine Frau Mo bei Engstler eine Handvoll nachgelassener Gedichte unter dem Titel „Vogelschau“ heraus.

Aber mit Schwärmerei und Naturverklärung hatte Engstler eigentlich nie was am Hut. Dem Spätpunk – der als alleinerziehender Vater das No-Future in ein Ja zum Leben ummünzte – war Sektiererei immer suspekt. Wer Hühner hält, muss sie auch schlachten können. Eines davon gibt es zum Abendessen. Wer Engstler ohne Auto in seinem heute literarischen Zonenrandgebiet besucht, bleibt am besten über Nacht. Im Gästezimmer steht mein Bilderbuchbauernbett.

Engstlers Bücher sind schön gemacht, aber nicht aufwendig. Er ist kein Bibliophiler, ihn interessiert der Inhalt. Eines der teuersten Bücher war vergangenes Jahr Paulus Böhmers Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“. Großes Format, bunte Zeichnungen, gutes Papier – „daran lass ich’s nicht scheitern“. Böhmer erhält am 2. April den Peter Huchel Preis dafür. Die Auflage von sagenhaften 500 Exemplaren sollte gerade so reichen.

In Engstlers Kalkulation spielt der Verkauf der Hälfte der Auflage die Produktionskosten ein. Gewinn wird in das nächste Buch investiert. (…)

In Papenfuß’ Schankwirtschaft Rumbalotte stellte Engstler vor kurzem auch sein neues Buch des Antipsychiaters Deligny vor. Die Kulturspelunke war brechend voll, es wurde höllisch gequalmt, Bücher wurden nicht gekauft. Junge Dichterinnen, Ann Cotten und Monika Rinck, rezitierten Gedichtetes, Papenfuß fummelte am Diaprojektor, Helmut Höge las aus seiner Endlosrecherche vor. / Sabine Vogel, FR

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