Hilfsschule Bixley I und II – Zwei Bände des großen Lyrikers Ivan Blatný in famoser Übersetzung von Frank Wolf Matthies 

von Axel Reitel (Auszug)

Als Milan Kundera im Jahre 1981 vom Journalisten Jürgen Serke auf dem Slawisten-Kongress in Philadelphia einen Gedichtband von Ivan Blatný (21. Dezember 1919 in Brünn – 5. August 1990 in Colchester) in die Hand gedrückt bekam, begann er zu schwärmen: „Den musst du besuchen. Wenn du wissen willst, wie phantastisch tschechische Lyrik in den vierziger Jahren war, dann wirst du es bei ihm erfahren. Einer der großen. Und Momente dieser Größe findest Du in diesem Band.“

Zu dieser Zeit lebte Ivan Blatný bereits seit drei Jahrzehnten zurückgezogen in einer psychiatrischen Anstalt, dem „Warren House“ im St. Clemen’s Hospital, bei Ipswitchtown, in England. Im Jahre 1948 hatte sich Blatný in London von einer tschechoslowakischen Delegation abgesetzt, um den geahnten stalinistischen Säuberungen in der Heimat zu entgehen.

(…)

Was Ivan Blatný fortan hinter den Anstaltsmauern schrieb, wurde ihm von den Wärtern im Warren-House Personal weggenommen, um es als das Geschreibsel eines Nicht-Zurechnungsfähigen wegzuschmeißen. Dies änderte sich – welch wundersame Fügung – mit einem Schlag im Jahre 1976.

Zu dieser Zeit war Ms. Frances Meacham als Krankenschwester tätig. Durch einen Angestellten kam ihr die Liste der Insassen des „Waren House“ in die Hände. Dabei machte sie der Name Ivan Blatný aus einem höchst erklärlichen wie schicksalhaften Grund hellhörig.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte Frances Meacham eine Liebesbeziehung mit einem tschechischen Piloten, der in der englischen Luftwaffe gegen Nazideutschland kämpfte.

Diese Beziehung zerbrach zwar nach dem Krieg, doch besuchte Ms. Meacham die CSSR immer wieder. Dieser Ivan Blatný, sagte sie sich, muss ein Tscheche sein.
Sie besuchte Ivan Blatný im „Warren House“ und bekam von ihm am Ende ihres Besuchs einen Packen Zettel mit der Bemerkung in die Hand gedrückt, die würden sonst doch nur „vom Wärter“ weggeworfen.“[1][2]Sie erkannte sofort, dass sie kein Geschreibsel eines Geisteskranken sondern hohe Dichtkunst las.

In der Folge sorgte Ms. Meacham mit Erfolg dafür, dass Ivan Blatný ab sofort einen „Tisch in der Ecke einer Anstaltswerkstätte“ bekam, wo er in Ruhe schreiben konnte: die Wärter warfen hinfort nichts mehr weg und Blatný bekam sogar eine Schreibmaschine. Derweil nahm sie, wieder mit Erfolg, Kontakt auf mit dem in Kanada ansässigen tschechischen Exil-Verlag „Sixty-Eight-Publishers“ auf.  (…)

In den Jahren 2013 und 2014 legte der Schriftsteller und Dichter Frank Wolf Matthies „Bixley“ in deutscher Übersetzung komplett in zwei Bänden vor, jedoch „ausschließlich für den privaten Gebrauch und als Geschenk gedacht“, was der Rezensent mehr als bedauerlich findet, denn Milan Kunderas Schwärmen lässt sich bei der Lektüre im Jahr 2015 immer noch nachvollziehen. Mit seinen Übertragungen ist wirklich Frank Wolf Matthies etwas Wunderbares gelungen.

Bereits der Titel „Hilfsschule Bixley“ verweist auf ein zu erwartendes singuläres Ereignis und ist eines schon selbst. Man kann lange auf dem aktuellen „Lyrik-Markt“ nach einem Vergleich suchen: die Gedichte der Bixley-Bände geben sich nicht nur so. Die frühe Lyrik Ivan Blatnýs umfasst insgesamt vier Bände, der letzte erschien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erschien. Zu „Quellen der Inspiration“ (Serke) seiner Inspiration zählte Ivan Blatný die Dichtungen von T.S. Eliot, Carl Sandberg, Dylan Thomas und Walt Whitmann.
Eines seiner Hauptthemen ist das Glück auf dieser Welt. In einem Gedicht aus dem Jahr 1941 schrieb dazu Blatný: Siehe, wir sind in der Landschaft der neuen Wiederholungen, / und die Stadt auf den Hügeln unter uns tritt aus dem Morgen wie aus einem Bade heraus […]  / Mehr bei tabula rasa

PS: Wie der Rezensent erfuhr, befindet sich „Hilfsschule Bixley Band III“ in Progress.

Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley & andere Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.

Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley II. Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.

Internetseite des Nachdichters:

www.frankwolfmatthies.de

[ii] Jürgen Serke, Die verbannten Dichter, Fischer TB 1982, S.175.
[iii] Ebenda, S. 180.

One Comment on “Hilfsschule Bixley I und II – Zwei Bände des großen Lyrikers Ivan Blatný in famoser Übersetzung von Frank Wolf Matthies 

  1. Danke für den tollen Hinweis! In Tschechien ist unlängst ein großer Roman über Blatny erschienen (Martin Reiner: Básník. Román o Ivanu Blatném). Und im deutschsprachigen Raum hat sich vor einiger Zeit der Autor Francis Nenik mit Blatnys Werk beschäftigt und über Blatny und sein Leben einen sehr schönen Essay veröffentlicht „(Vom Wunder der doppelten Biografieführung“). Hoffentlich finden Blatnys Gedichte bald wieder mehr Beachtung. Schade, dass die beiden Bände nicht „offiziell“ erhältlich sind.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: