Lyrikfrühling

Aus dem Bericht von Katharina Kohm über das erste Treffen junger Lesereihen mit Lyrik-Schwerpunkt im Münchner Lyrik Kabinett (komplett bei Signaturen):

Man hatte das Gefühl, einem Lyrikfrühling, der sich über den gesamten deutschsprachigen Raum erstreckt, beizuwohnen, an diesem dynamisch und abwechslungsreich gestalteten Abend, Samstag, den 21. Februar 2015. (…)

Zum Beispiel die Orte, die kreativen Räume: Derweil die einen in Lokalen auftreten (z.B. »Kabeljau & Dorsch« im Café Gelegenheiten in Berlin Neukölln, »niemerlang« in verschiedenen Leipziger Cafés und die seit letztem Oktober bestehende Lesereihe »Land in Sicht« im Cafe Fleur in Köln), lesen die Lyriker der »zwischen/miete« in Freiburg in wechselnden, privaten WGs. Dass auch der Privatraum für Lesungen genutzt wird und großen Zulauf verzeichnen kann, zeigt das Bedürfnis junger Leute nach einer gemütlichen Atmosphäre für die Präsentation von Lyrik. Auch gab es schon Lesungen in einem Gummibärchenladen sowie in einem Fleischwarenfachgeschäft. Nutzbaren Räumen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

Neben der breiten Palette an Vortragsorten ist auch eine Vielfalt der Formate und neuen Konzepte für Lesungen beeindruckend. Während die »Dichtungsfans« in Frankfurt u.a. in ihrer Reihe »Undercover« fremde Texte lesen und am Ende der Veranstaltung das Publikum entscheiden lassen, welcher am besten gefallen hat, ohne dass es informiert worden ist, wer ihn verfasst hat, werden beim »hörgeREDE-Festival« in Graz Performances präsentiert, die zwischen Lyrikern und Musikern 4-5 Monate lang erarbeitet worden sind. So wird eine musikalische Begleitung, zu der nach bestehendem Programm gelesen wird, vermieden. Vielmehr gilt es, eine Öffnung hin zum Dialogischen beider Formen zu generieren, damit ein gemeinsames künstlerisches Werk entsteht. (…)

Zwar empfinden sich die Lesereihen als Ergänzung zu bestehenden Literaturhäusern, aber nur in Freiburg scheint bisher eine Kooperation mit dem dortigen Literaturbüro gelungen zu sein. Auch durch den jüngst publizierten Beschwerdebrief der Leitung des Frankfurter Literaturhauses werde deutlich, dass die etablierten Institutionen die aufkommende junge Szene eher als Bedrohung denn als Bereicherung empfänden. Aufgrund dieser Situation sei ein gemeinsames und vernetztes Auftreten, die Verbündung der Akteure, umso wichtiger, wie sie beispielsweise schon von jungen Literaturmagazinen praktiziert werde.

Das grundlegende Problem scheint, zusammengefasst, die Kommunikation mit dem institutionellen Literaturbetrieb zu sein. Dabei hätten doch auch junge Lyriker ohne Rang und Namen ein Anrecht darauf, anerkannt zu werden und sich als Literaten einer Stadt zu präsentieren. Der existierende scheinbar tiefe Graben zwischen etablierter Literatur und einer »Underground-Literaturszene« wäre nicht nötig, würden sich Lyrikinteressierte aller Altersgruppen austauschen und keine Hemmungen haben, aufeinander zuzugehen.

Man fragte sich, ein wenig beklommen, wie lange dieses Engagement ohne finanzielle Unterstützung aufrechterhalten werden könne, wenn auf Dauer von offizieller Seite keine oder zu wenig Unterstützung käme. Und ein »Wo sind wir in 10 Jahren?« wäre ohne einen ausreichenden finanziellen Rahmen nicht zu beantworten. Auf der anderen Seite befinde sich die junge Lyrikszene aber gerade am Anfang ihrer vernetzten Arbeit.

Die Kulturpolitik einer Stadt, so die Forderung, habe darauf achten, dass sich junge Autoren, der Nachwuchs, in den bestehenden Institutionen aufgenommen fühlten, inklusive der Freiheit, Eigenes zu schaffen und neue Konzepte zu entwickeln. Die Freiräume für Lyrik scheinen dabei unerschöpflich. Also sollte es auch im Sinne der Stadt sein, die kreativen Szenen zu fördern und ihnen dauerhaften Platz unter einem gemeinsamen Dach zu bieten. Dass sich ein Literaturhaus nur dem etablierten Literaturbetrieb verpflichtet fühle, sei befremdlich, zumal man so das junge Publikum, aber auch die jungen Lyriker verpasse. Kommunikation und Kooperation müssten unbedingt gefördert werden.

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