Zusammenfügen von Teilen

Auf ihrer poetologischen Ebene handeln Böhmers Gedichte von der ständigen Abgleichung von Höhen und Tiefen. Es „dringen Bilder durch uns, glänzend, erhaben, idiotisch“. Er sortiert sein Material nicht. Das „Zusammenfügen von Teilen“ ist daher keine mechanische Tätigkeit, sondern verspricht eine Grenzüberschreitung. Durch die andauernde Wiederholung dieser Schreibbewegung lösen Assoziationen einander ab:

Daß die Ockerfarbe des Windes sich im Gras verfängt.
Daß Haß, daß Liebe sind, was sie sind: etwas
weniger als du und ich. (Und manchmal, vielleicht,
etwas mehr.)
Daß die Erde mit offenem Mund daliegt. Daß
wir uns nicht mehr wehren.
Daß grauer Regen heraufzieht und alles verschwindet:
Berge, Ebenen, Baumspitzen, und daß, später,
die Ockerfarbe des Windes sich im Gras verfängt.

Doch die Repetitionen sind nicht überflüssig; ihrem Mittelpunkt, der Erde, wenden sie sich mit Aufopferung zu. So ist es kein Wunder, dass Böhmer, der ständig zwischen den Stilniveaus hin- und herschaltet, ein Dichter des Körpers ist, dessen Position in der Welt auf dem Physischen, nicht dem Individuellen begründet ist: „Daß ich die Leberflecken auf dem Körper meiner Mutter sah: / Zoomorphe, Mischwesen, Ranken, verflochtene Fratzen- / gesichter, schwarz, braun, durchscheinend trüb, / […] / Daß der Tod / auf sich selber zurückkommt, jung, nackt, / mit dem Lupusfleck auf der Hüfte.“ Die Intensität des Körperlichen in diesen Gedichten ist oft kaum auszuhalten.

Leider ist Böhmer vorrangig als poets‘ poet in Erscheinung getreten und hat bislang keinen Zuspruch von einer größeren Leserschar erhalten. Daran wird auch der Huchel-Preis, den er in diesem Jahr zugesprochen bekam, wenig ändern. Obwohl seine literarische Stimme eine eminent wichtige, wenn nicht sogar eine äußerst zeitgenössische ist, die abseits des Surrealismus erklingt. Das wacklige Konzept mit Namen „Sinn“ zeigt weithin sichtbare Risse, die nicht mit noch mehr Fiktion verschleiert, sondern offengelegt werden sollen: Seht her, in dieser Wüste schreibe ich, mache aber eine Kunst daraus. Böhmer lesen heißt, sich in Hingabe zu üben. Seine unfreundliche Textlandschaft zu betreten bedeutet nicht, sich von jeder Grundwahrheit zu lösen, sondern neue Gewissheit zu finden: Nach jedem Blitz entsteht Raum für etwas Neues. / Matthias Friedrich, literaturkritik.de

Paulus Böhmer: Werichbin. Gedichte / Über das Zusammenfügen von Teilen. 
editionfaust, Frankfurt am Main 2014. 
56 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783945400012

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