65. Probleme beim Übersetzen

Werkstattcharakter im wörtlichen Sinne haben dabei die Beiträge von Miguel Ángel Montezanti, der sein Vorgehen bei einer Shakespeare-Übersetzung an einzelnen Arbeitsschritten beleuchtet, sowie Martín Zubirias Auseinandersetzung mit den Problemen der Übertragung quantitativer Metrik in die romanische Metrik am Beispiel von Epigrammen Goethes und Schillers. Bereits daraus ergeben sich umfassende Fragen, die allen Beiträgen zugrunde liegen: Wie ist es um die Möglichkeiten bestellt, ein poetisches Zeichensystem in einer anderen Sprache nachzubilden? Inwiefern sind hermeneutische Herangehensweisen und individuelle Interpretationen mit bestimmten geschichtlichen Umständen verknüpft? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen verschiedenen Formen der Lyrikübersetzung als Version, Transformation oder Aneignung eines Textes? Wie dem von Schleiermacher aufgeworfenen Dilemma begegnen, ob die Übersetzung einen Text an die Sprach- und Lesegewohnheiten der Leser in der Zielsprache annähern soll, oder vielmehr ob sie des Textes Fremdheiten betonen soll? 1 Welches ist das Verhältnis verschiedener Übersetzungen eines Textes zueinander?

(…) Exemplarisch verdeutlichen die in dem Band vertretenen Literaturübersetzer die jeweiligen Unterschiede, Möglichkeiten und Grenzen grundsätzlicher Entscheidungen: So schreibt Ricardo H. Herrera, die wichtigste Aufgabe des Übersetzers sei es, die lyrische Stimme zu retten. Auf der Arbeit an der lyrischen Form in der Zielsprache liege etwas mehr Gewicht als auf dem Versuch, die Sprache einer anderen Kultur zu vermitteln. Es müssten die poetologischen Gegebenheiten der Zielsprache zum Zeitpunkt des Übersetzens berücksichtigt werden, wie er anhand seiner Übersetzungen von Leopardi und Ungaretti darlegt. Oscar Caeiro hingegen betont seine Sichtweise der Übersetzung als Vermittlung und Zugänglichmachen, wie er durch eine kurze Kommentierung seiner Übersetzungen von Else Lasker-Schüler und Kafka verdeutlicht. Wie problematisch jedoch das Primat der Vermittlung bei Beschränkung auf den Inhalt sein kann, zeigt Marcela Raggio in ihrem Aufsatz zu Enrique Luis Revols argentinischen Anthologien englischsprachiger Lyrik des 20. Jhd.s. So sei zwar eine große Breite von Autoren und deren Themen in zugänglichen freien Versen geboten, allerdings geschehe diese semantische Privilegierung um den Preis einer Vernachlässigung der Vielfalt formaler, etwa metrischer und klanglicher Eigenschaften sowie Anleihen an die reiche Tradition englischsprachiger Dichtung, sodass ein Einblick in die Facetten des breiten lyrischen und poetologischen Spektrums letztlich ausbleibe. Einen besonders radikalen Übersetzungsansatz stellt Anna M. Arrighetti mit Stefan Georges Postulat von Übersetzung als schöpferisches Werk vor. Dass die Übersetzung eines spracherneuernden Werkes ebenfalls spracherneuernd auf die Zielsprache wirken müsse, wollte George mit seinen Danteübersetzungen zeigen. Dafür bevorzugte er die Begriffe Übertragung und Umdichtung gegenüber dem der Übersetzung. George ging es dabei um die Geste der Texte, um „ton bewegung gestalt“ (262), bzw. um Stimmung in Form von „auswahl maass und klang“ (263). Dass es freilich um diesen Selbstanspruch nicht so einfach bestellt ist, wird schnell deutlich. Arrighetti legt dar, dass George zwar eine streckenweise durchaus gelungene Übersetzung liefert und aus dem Prozess auch Nutzen für sein Schreiben ziehen konnte, dass es jedoch letztlich zum eigenständigen, erneuernden deutschen Kunstwerk nicht gereicht, was paradoxerweise nicht zuletzt der selbstauferlegten rhythmischen Nähe zum Ausgangstext geschuldet ist. / Léonce W. Lupette, phin71, Rezension zu:

Irene M. Weiss (Hg.) (2014): Dichtung übersetzen. Werkstatterfahrungen und theoretische Beiträge. / Traducir poesía. Experiencias de taller y aportes teóricos. Würzburg: Königshausen & Neumann.

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