14. Gefährliche Lektüre

Vor 100 Jahren, am 3. November 1914, starb der Dichter Georg Trakl. Als Buchpreisträger Lutz Seiler dessen Verse als Student in der DDR zum ersten Mal las, veränderten sie sein Leben. / Süddeutsche Zeitung 3.11.

„Das Werk Georg Trakls ist das Bild einer völlig geschlossenen, in sich selbst beruhenden Welt. Müsste man ihr einen Namen geben, man könnte sie nur die Trakl-Welt nennen,“ schrieb der österreichische Lyriker und Essayist Josef Leitgeb. Ludwig Wittgenstein notierte zu Trakls Gedichten: „Ich verstehe sie nicht, aber ihr Ton beglückt mich.“ / Dieter Kaltwasser, literaturkritik.de

Von den Anfängen bis zu «Grodek», dem letzten Gedicht, das auf fürchterlichen Kriegserlebnissen beruht, davon aber nur in hohen Tönen redet, hat sich Trakls Schreiben in seiner Struktur nicht wesentlich verändert. In fast jedem seiner lyrischen Texte rückt der Dichter die Extreme gegeneinander, den abgerückten Geisterraum und die tückische Gegenwelt. Eine Auflösung der Kontraste findet sich nur selten. / Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung

Mit Trakl gelingt Heidegger eine raunende Betrachtung über das Leben, das das Subjekt gleich beiseite lassen kann. „Im Gesprochenen des Gedichts west das Sprechen“, folgert Heidegger in seinem Aufsatz „Die Sprache“ (1950) auf der Grundlage von Trakls „Winterabend“ und befindet: „Die Sprache spricht als Geläut der Stille.“ Trakls Schmerz wird für Heidegger „der Unter-Schied selber“ und „Riss“ in der „Verfugung des Daseins“.

So wie andere schloss Heidegger zu Trakl aus einem zerfaserten Nachlass, stilisiert aber seine Erkenntnis gerade über die Spur der Handschrift. Ludwig von Ficker hatte Heidegger das Original der zweiten Fassung des „Winterabends“ vermacht – und Heidegger nobilitiert die lyrische Zerrissenheit zum grundlegenden Existenzial. / Gerald Heidegger, ORF.at

„O! wie weh ist die Welt, wie wahnig das Weh, wie weltlich der Wahn“, schreibt Georg Trakl im November 1912 an seinen Freund Erhard Buschbeck und protokolliert zu den Umständen seines Schreibens: „Vorgestern habe ich 10 (sage! Zehn) Viertel Roten getrunken.“ Ein „Frostbad“ danach auf dem Balkon um vier Uhr in der Früh habe ihm den Einstieg in ein Gedicht ermöglicht, „das vor Kälte schebbert“. / Gerald Heidegger, ORF.at

Bücher zum Trakl-Jubiläum

  • Rüdiger Görner: Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Zsolnay, 354 Seiten, 25,60 Euro.
  • Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biografie. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2014. 224 S., Fr. 37.90.
  • Hans-Georg Kemper: Droge Trakl. Rauschträume und Poesie. Otto Müller Verlag, 340 Seiten, 35 Euro.
  • Georg Trakl: Werke. Entwürfe. Briefe. Hrsg. von Hans-Georg Kemper und Frank Rainer Max, Reclam Universal Bibliothek, 9,20 Euro.
  • Hilde Schmölzer: Dunkle Liebe eines wilden Geschlechts. Georg und Margarethe Trakl. Francke, 192 Seiten, 19,80 Euro.
  • Gunnar Decker: Georg Trakl. Leben in Bildern. Hrsg. von Dieter Stolz. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2014. 96 S., Fr. 28.40.
  • Karl-Markus Gauß, Arno Kleibel (Hrg.): Umfrage über Georg Trakl. Literatur und Kritik Mai 2014. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014.

4 Comments on “14. Gefährliche Lektüre

    • liebe frau fix, wenn sie berücksichtigen, daß ich mehr als 2 oder 3 stunden am tag in meinem nebenberuflichen einmannjob nicht erübrigen kann, scheint es schon weniger erstaunlich. ich hab eben heute vormittag ein paar zeitungsmeldungen von gestern zum anlaß durchgesiebt und versucht eine für andre vielleicht intressante nachricht draus zu machen. ergänzungen, vorschläge, kommentare immer willkommen

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      • Gott bewahre, Kommentare! Habe die goldne Regel immer einen Tag warten, bevor man antwortet, wenn man sich ärgert, nicht bewahrt. Der Ärger ist verraucht. schöne Grüße nach Greifswald die Frau Fix

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