12. Der Dichter Müller

Wie alle großen Dichterinnen und Dichter hat Heiner Müller vieles, was uns heute bedrängt, antizipiert, er muss also gar nicht wiederkommen, die Metapher ist groß genug. „… der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und / oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden“, heißt es in der „Wunde Woyzeck“, einem Prosastück von 1985, als die Welt eigentlich noch streng in Ost und West gescheitelt war. Oder nehmen wir eines seiner letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte, „Ajax zum Beispiel“: „Geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte … / Das zu Ende geht Das kommende / Wird den Advokaten gehören die Zeit / Steht als Immobilie zum Verkauf“. Die Anrufung der Toten hat Müller wie kein anderer beherrscht. Und auch ihre Abwehr. „ICH HABE DIR GESAGT DU SOLLST NICHT WIEDERKOMMEN TOT IST TOT“, hieß es in „Bildbeschreibung“, jenem Zwitterwesen aus Prosa und Drama, dessen in Versalien verfasste Totenbeschwörung 1992 noch einmal auftaucht in einem Gedicht, das mit „DER TOD IST EIN IRRTUM“ endet. (…)

Heiner Müller hat sein Leben lang Gedichte geschrieben, und nicht nur Blankverse. Aber viele Jahrzehnte wurden sie nicht als eigenständig in seinem Werk wahrgenommen, sondern galten eher als Selbstvergewisserungen im Zusammenhang mit seinen dramatischen Texten. 1980 schrieb die Heiner-Müller-Forscherin Genia Schulz: „Prosa und Lyrik begleiten Müllers dramatisches Werk, ohne dessen Selbstständigkeit zu haben.“ Dabei hatte Müller schon in den Fünfzigerjahren eine starke lyrische Phase gehabt, die Gedichte waren an Brecht geschult und oft in Zwiesprache mit seiner damaligen Frau, der Dichterin Inge Müller, entstanden. In ihren jeweiligen Nachlässen finden sich Gedichte zum selben Thema, mit ähnlichen Zeilen, „MAJAKOWSKI“ zum Beispiel, mit dem „bleiernen Schlusspunkt“ darin. (…)

Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren. Das Drama fand nicht mehr statt. „Und so zieht sich Müller mit Lyrik aus dem Sumpf seiner Zeit, die er nur als Wiederkehr einer trüben Vergangenheit erlebt“, schreibt Kristin Schulz im Nachwort. Seiner Schreibblockade trotzt Müller „Mommsens Block“ ab, dem Krebs seine besten Gedichte. 355 Gedichte und Gedichtentwürfe hat Kristin Schulz in die Sammlung aufgenommen, davon 220 Texte aus dem Nachlass, 88 davon sind Erstveröffentlichungen. (…) liest man sie chronologisch von den späten Vierzigerjahren bis 1995, ist deutlich zu sehen, wie Ezra Pound sich in den Kopf des Autors stalinistischer und maoistischer Auftragsballaden setzt und da kleben bleibt bis zum Ende, während die -ismen zersplittern und Gewissheiten dem grundsätzlichen Zweifel über den Zustand der Welt Platz machen./ Annett Gröschner, Die Welt

Heiner Müller: Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Suhrkamp, Berlin. 675 S., 49,95 €.

One Comment on “12. Der Dichter Müller

  1. Langsam bekomme ich das Gefühl, meine alte Ausgabe von Müllers Gedichten durch die neue ersetzen zu müssen. Von der Herausgeberin Kristin Schulz ist übrigens im Frankfurter Gutleutverlag unter dem Titel „gesammelte fehlmärchen“ ein Band mit Gedichten erschienen. Parallel zur Müllerausgabe, wenn man so will. Und natürlich sucht man bei der Lektüre nach Parallelen und findet sie auch. Aber da ist eben auch mehr, Variationen eines recht kargen Wortmaterials. Auf jeden Fall Gedichte aus einer anderen Ecke, fern der bekannten Lyrikszenen.

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