68. Flora und Fauna

Selten war mehr Fauna und Flora als beim Finale des Münchner Lyrik­preises. Gab es jemals einen Zyklus über Kiefern? Sebastian Unger hat ihn ver­fasst, und Kathrin Schmidt hatte sich bereits in der Zeit­schrift Ostra­gehege dazu geäußert: Die zen­tralen Gestirne dieser Gedichte seien Tiere und Pflanzen.

Markus Hallinger, der Preisträger des Wettbewerbs, brachte das Bild des Hasen, der, dem Dichter gleichgesetzt, mit abgezogenem Fell dasteht, „geschält wie die Sprache“. Von der Prozession der Schnecken über Bienenschwärme bis zum Pferd, das zwischen den Bäumen und überall sonst wohnt, reicht das Tierrepertoire des 1961 geborenen Autors. Seinen Gedichten war jene so oft und gern geforderte Lebenserfahrung anzumerken.

In Tobias Roths Texten – mehrfach als bukolische Idyllen bezeichnet – tauchte bereits im Titel der „Floratempel“ auf. Eines der gelungensten Gedichte des Abends trug die Über­schrift „Versuch über Herden und Rudel“. Hier zeigte der Lyriker en passant seine Souve­ränität, ohne sich mit seiner Renaissance-Kenntnis in die Fänge der Tradition zu begeben. Dabei galt die Skepsis nicht den histo­rischen Bezügen, sondern dem unzureichenden Bemühen, dieses hochintelligente Spiel mit einer Modulation ins Jetzt glaubhaft zu machen.

Bunt und schillernd auch die Tierwelt in Kathrin Bachs Gedichten: Kaninchen, Seehunde, Käfer, Wespen, Schwäne, Möwen und Fische. Ihre Texte, mal als Meta­morphosen, mal als Traum­sequenzen einge­stuft, konnten nicht zuletzt durch die unange­strengte Form über­zeugen. Bemerkens­wert, für dieses Finale jeden­falls, war, dass auch ein Du zum Vor­schein kam. Viel­leicht waren es, ganz im Ver­bor­genen, dunkel getönte Liebes­gedichte, worauf nicht zuletzt der Vor­gang des In­einander­verschmel­zens im Gedicht „aggregat“ hindeutete.

Konstantin Ames, gewiss kein Naturdichter, hatte doch zumindest „klas­sische Kühe“ aus seiner saar­ländi­schen Heimat zu bieten. Und wer kennt nicht Niedalt­dorf und die legen­däre Landstraße L 354, die an Jung­bullen vorbeiführt und irgendwann einen Blick auf die Kirche des Gulden­dorfs Leiding erlaubt? Wer so radikal Provinz einbezieht, sie gleicher­ma­ßen amtlich wie sinnlich belegt, wer dazu die Mundart mitführt und auch auf das Wort „Kläranlagen­seechen“ nicht verzichtet, der darf – finde ich – auch den Titel sprach­anarchischer Heimatdichter führen! / Andreas Heidtmanns Bericht von der Endrunde des Lyrikpreises München vollständig im Poetenladen

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