45. Erinnerung an Hilbig

Franzliks „Erinnerung an Wolfgang Hilbig“ besteht aus kurzen, beiläufigen Skizzen, die die Gefühle und Krisen in ihrer Beziehung nie thematisieren, sondern Schauplätze und kleine Begebenheiten ins Zentrum rücken. Die beiden lernten sich 1969 kennen, in der HO-Naherholungsgaststätte „Nonnenhof“ am Tollensesee bei Neubrandenburg. Sie war damals gerade mal 19 Jahre alt und wartete den Sommer über auf einen Studienplatz, er war mit 28 von Meuselwitz zusammen mit dem Freund Gert Neumann in den Norden gegangen, um den Sommer über die Existenz eines freien Schriftstellers auszuprobieren.

Ihre Beziehung dauerte immerhin bis Anfang der Achtzigerjahre, die gemeinsame Tochter Constance wurde 1980 geboren, und Margret Franzlik zählt die Namen der „Clique“ auf, mit der Hilbig um das Jahr 1970 herum in Meuselwitz zusammen war, man besuchte gemeinsam Rockkonzerte im Stadthaus: Eschi, Schrips, die Katze, der Beatle, Dionys Kohl, der junge Liedermacher Dieter Kalka und andere. Danach ging es noch mit Wein zu Eschi in seine „Bärenhöhle“ in Zipsendorf, zu Schmidtke in dessen fast leeres Haus am Baderdamm, zu Schrips in die Kressestraße oder zur „Katze“ in der Nähe der Poliklinik. Zu Hilbig ging es allerdings nie, seine Mutter musste früh zur Arbeit. (…)

Es sind Erinnerungen, die die Genese des Dichters Hilbig beschwören und die privaten Konstellationen nicht weiter problematisieren. Wie es schließlich zur Trennung zwischen Wolfgang Hilbig und Margret Franzlik kam, wird genauso ausgespart wie alle anderen emotionalen Irritationen. Der Gestus des Buches ist nüchtern, aber untergründig doch aufgeladen mit Pathos.

Zu den atmosphärisch zum Teil sehr dichten Abbildungen gehört eine Quittung, die der Buchhändler Fiedler in seinem kleinen Laden in der Meuselwitzer Bahnhofstraße dem unbekannten Heizer Hilbig Anfang der Siebzigerjahre ausstellte: über einige Exemplare der Zeitschrift Sinn und Form und der Wochenzeitung Sonntag – dieser kleine Laden war wie ein Tor zur Welt. Und die langjährige Wohnung in Berlin-Lichtenberg wird mit ihren Kohleproblemen, den unzugänglichen Kellerfluchten und dem verfallenden Treppenhaus als Urgrund Hilbigscher Literaturphantasien evoziert.

Einmal erscheint ein Bild, wie Hilbig spät in der Nacht angetroffen wird, „ein Dichter bei der Arbeit“: Er schreibt, und im Kachelofen prasselt das Feuer. Am Schluss heißt es: „Der Heizer hat ganze Arbeit geleistet.“ Dieses Erinnerungsbuch ist Arbeit am Mythos, aber gleichzeitig gibt es dem Rätsel, das der Schriftstellerexistenz Wolfgang Hilbigs anhaftet, einige Konturen mehr. / HELMUT BÖTTIGER, Süddeutsche Zeitung 6.8.

Margret Franzlik: Erinnerung an Wolfgang Hilbig. Transit Verlag, Berlin 2014. 104 Seiten mit Fotos, 16,80 Euro

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