74. Ode an die Frauen

Hinter jedem großen Mann steht immer eine liebende Frau, sagte einst Pablo Picasso. Nadjeschda Mandelstam, Jelena Bulgakowa und Marina Malitsch – drei Frauen dreier großer sowjetischer Schriftsteller haben das bewiesen.

Von den achtzig Jahren ihres Lebens verbrachte Nadjeschda Chasina knappe zwanzig an der Seite von Ossip Mandelstam – bis zum Jahr 1938, als der große Dichter in einem Lager bei Wladiwostok ums Leben kam. Als sie von dem Tod ihres Mannes erfuhr, ergriff sie die Flucht. Aus Furcht vor einer Verhaftung wechselte sie zwanzig Jahre lang immer wieder ihren Wohnsitz zwischen Moskau und Zentralasien. Nadjeschda Chasina unterrichtete die englische Sprache und arbeitete an ihrer Dissertation. Und die ganze Zeit bewahrte sie in ihrem Gedächtnis ihren wertvollsten Schatz – einhundert Gedichte ihres Mannes. Um sich gegen eine mögliche Beschlagnahmung ihres Besitzes zu wappnen, lernte sie alle auswendig.
(…)

Im Jahr 1961 nahm ein junger Philologe mit der 67-jährigen Witwe von Michail Bulgakow Kontakt auf. Er hatte das Werk ihres Mannes studiert. Jelena Sergejewna begegnete dem Forscher anfangs mit Misstrauen, bald aber schon ließ sie ihn ein Romanmanuskript lesen, an dem Bulgakow in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hatte. Auf diese Weise wurde zwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters sein Roman „Der Meister und Margarita“ neu entdeckt, der zu den Klassikern der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts werden sollte. Jelena hatte das Buch nach seinem Diktat getippt. „Margarita“ übrigens ist niemand anderes als sie selbst. (…)

Mit den Kinderversen von Daniil Charms wurde die ganze Sowjetunion groß. Ihr Autor jedoch, ein Lyriker und Prosaist, einer der ersten Vertreter der russischen absurden Literatur, Exzentriker und Geck, verhungerte in einem Irrenhaus im belagerten Leningrad. Keines seiner Werke für Erwachsene erschien zu seinen Lebzeiten. Bis zu seinem letzten Tag begleitete ihn seine Frau Marina Malitsch, deren Schicksal nicht minder fantastisch als die surrealen Erzählungen ihres Mannes war. / Georgi Manajew, RBTH

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