81. Im Maidan-Zelt

Vergangene Woche nahm Wolf Biermann an der Konferenz „Ukraine: Thinking Together“ in Kiew teil. Auf Initiative des US-Historikers Timothy Snyder waren rund 50 Intellektuelle aus ganz Europa in der ukrainischen Hauptstadt zusammengekommen, um über die Zukunft des bedrohten Landes zu diskutieren. Im Gespräch am Rande der Konferenz wendet sich Biermann eindringlich gegen Versuche, den Aufstand des Maidan in eine faschistische Ecke zu stellen und sorgt sich über die Folgen der russischen Aggression. Ein Gespräch über Freiheit, Korruption und deutsches Büßertum.

Die Welt: An der Vorstellung, die Maidan-Bewegung sei faschistisch unterwandert, ist also nichts dran?

Biermann: Klipp und klar: gar nichts. Wer behauptet, dass das da Faschisten sind, könnte auch behaupten, dass Deutschland ein faschistisches Land sei, weil es die NPD und die NSU-Mörder gibt. Ukrainische Faschisten spielen in diesem Geschichtsdrama eine Nebenrolle. Die Maidan-Wächter, die auf dem Platz weiter die Stellung halten, sind auch keine romantischen Revolutionstouristen, die mal Blut am Chaos lecken möchten. Es wird rotiert, die Männer bleiben zwei oder drei Wochen. Kaum Frauen. Allerdings haben solche „Bewohner“ des Zeltdorfes auf dem Maidanplatz, die aus der Ostukraine gekommen sind, Angst, wieder nach Hause zu fahren, weil die prorussischen Terroristen solche ukrainischen Patrioten meuchelmorden. Auch das sollte man in Deutschland wissen.

Die Welt: Gespräche wie das im Maidan-Zelt scheinen Sie mehr interessiert zu haben als die Diskussionen der Intellektuellen auf der Konferenz …

Biermann: Die hochkarätigen Diskussionen der internationalen Kenner waren lehrreich und sind eine Manifestation der Solidarität mit der Ukraine. Das alles kann man in Publikationen nachlesen. Aber mindestens so wichtig wie die Denker sind die Macher. Ich musste außerdem meine Selbstverdächtigung prüfen, ob wir globalen Edel-Intellektuellen womöglich Schmeißfliegen an der Wunde dieses Landes sind, Voyeure, die sich hier einfliegen und abfüttern lassen. Ich hatte beim noblen Eröffnungsempfang, den das ukrainische Außenministerium zur Begrüßung des Kongresses ausrichtete, spontan den surrealistischen und bösen Einfall, dass jeder von uns zwei Teller mit den erlesenen Speisen, die uns am Buffet offeriert wurden, füllt und das Soli-Manna barfuß zu den Kämpfern auf dem Maidan tragen sollte. Eine Stunde vorher hatte ich auf dem Maidanplatz beobachtet, wie sich da Zeltbewohner in einem verbrannten Blecheimer irgendeine Suppe zusammenkochten.

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