25. ›Realismusdebatte‹

Betrachtet man die zurückliegende Debatte also als ›Realismusdebatte‹, dann erweist sie sich als ebenso traditionsreich wie traditionell: Sie operiert mit einem prädigitalen Realismusbegriff und sie beruht auf einem engen, letztlich elitären Literaturbegriff. Wirklich gegenwärtig, wirklich auf der Höhe der Zeit war die Debatte irgendwie nicht.

In dieser Diagnose deutet sich bereits an, worin ich das Symptomatische der Debatte sehe. Man könnte sagen: Die Debatte ist ein Symptom dafür, dass jene Teile des deutsche Literaturbetriebs, die diese Debatte führten, bisher im Grunde nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind. Konzeptionell und operativ verharren sie in einer Welt, die nicht wesentlich anders ist als vor, sagen wir, vierzig Jahren. (…)

Erstaunlich war in diesem Zusammenhang nicht nur, was der Literatur alles aufgelastet wurde: Mitunter hatte man das Gefühl, Literatur müsse gewissermaßen als der letzte Hort des politisch-sozialen Widerstands fungieren. Erstaunlich ist auch, wie wenig darüber nachgedacht wurde, für wen, für welche sozialen Gruppen Literatur überhaupt noch so etwas wie Relevanz entfalten kann. Denn seien wir ehrlich: Die Zeiten, in denen der Literatur so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Relevanz zukam, sind vorbei, wenn es diese Zeiten denn je gegeben hat. Die hochdifferenzierte literarische Kommunikation erfolgt heute fast ausschließlich innerhalb von stilistisch und ideologisch weitgehend autonomen Milieus, ja sie erfolgt mitunter in sehr begrenzten sozialen Netzwerken, realen wie virtuellen. Entsprechend differenziert sind die Leistungen, die Literatur innerhalb dieser unterschiedlichen Milieus und Netzwerke erbringen kann; und entsprechend differenziert sind die Formen, die sie dafür ausbildet.

In der Debatte spielte diese soziale und mediale Differenzierung der Literatur jedoch keine Rolle. Der ›hochkulturelle‹ Literaturbetrieb, der dort diskutierte, war im Wesentlichen darum bemüht, den Eindruck zu erwecken, er vertrete das Ganze der gegenwärtigen Literatur. Auch diese Haltung ist letztlich symptomatisch: Weder die hochkulturelle Literatur noch der sie beobachtende Literaturjournalismus haben die soziale Ausdifferenzierung, die Ökonomisierung und die Marginalisierung ihres Gegenstands bisher wirklich verkraftet. Geschweige denn, dass diese Kränkungen in das eigene Selbstverständnis integriert wurden. Anders gesagt: Eine Debatte, die tatsächlich immer noch nach der gesamtgesellschaftlichen Relevanz von Literatur sucht, wird stets nur aus einer längst überholten Verteidigungshaltung heraus argumentieren können. Übersehen wird sie dabei dasjenige, was sich jenseits ihrer eigenen sozialen Blase an durchaus relevanter literarischer Produktion ereignet, vollzieht.

(…)

Als ›Relevanzdebatte‹ betrachtet ist die zurückliegende Auseinandersetzung ein Symptom für die uneingestandene Irrelevanz des hochkulturellen Literaturbetriebs. Sie war keine ›Relevanz-‹, sie war eigentlich eine ›Irrelevanzdebatte‹. Wirklich ernüchternd ist das sicher nur für jene, die noch voll in diesem Betrieb aufgehen oder aber unbedingt in ihn hineinwollen. Für alle anderen ist es selbstverständlich; und vielleicht ja auch: Anlass, über die zerstreuten, heterogenen, differenzierten Formen und Funktion der Literatur im 21. Jahrhundert nachzudenken.

Das betrifft im Übrigen auch die Literaturwissenschaft, die ja mit dem hochkulturellen Literaturbetrieb aufs engste verbandelt ist. Auch sie muss sich fragen, ob es angesichts unserer soziomedialen Umwelt nicht einer erneuten Ausweitung des Literaturbegriffs bedarf; auch sie muss Techniken des Beobachtens entwickeln, die sich auf der Höhe der gegenwärtigen literarischen Kommunikation bewegen, sei diese realweltlich, sei sie virtuell. Denn auch hier wäre falscher Idealismus unangebracht: Wie der Literaturbetrieb insgesamt, so muss sich auch die Literaturwissenschaft ihrem eigenen Relevanzverlust stellen.

/ Peer Trilcke, litlog.de

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: