73. Apokalypso

Dante Alighieri und André Rieu tummeln sich in den Höllenkreisen aus der Göttlichen Komödie; das Prinzenbad könnte auch der Hades sein; und die Hölle, das sind nicht die Anderen, sondern die Fußgängerzone der Stadt Kassel. Ob die mythische Medusa oder Madonna in einer gelben Speedo-Badehose auf einem Ein-Meter-Brett: auf überbordende, vor Sprachspiellust und Anspielungswut fast berstende Weise malt der Autor ein illustres Weltuntergangsszenario zwischen Schaudern und Satire. Hier ist der Armageddon ein fett gemästetes Showprogramm, mit einemlangverweste Dante als kompetenter Reisebegleitung.

Lässig wäre wohl das passende Wort um die Haltung des lyrischen Ichs auf dieser Reise zu beschreiben. Durch die Apokalypse glitt ich körperbetont. Ein Flip-Flop-Flaneur, der mit distanziertem und sarkastischem Blick den wüstesten Szenen beiwohnt. Denn der Weltuntergang findet in Form von H&M und Hartz IV schon seit Längerem und gleich um die Ecke statt, z.B. am Kottbusser Tor.

Aber an den Obstständen vorm Kotti (schau an)
noch lebendige Tote mit jodgefüllten Lebern
stehen Leichen labbrig ledern im lauen Wind
im Wiegeschritt taumeln wir den Apokalypso mit

Dieser Apokalypso, der Totentanz als mittelalterliche Allegorie auf die Gewalt des Todes über das Menschenleben ist das zentrale Thema des Bandes. Die alte Frage, was kann der Mensch tun, im Angesicht der ständigen Bedrohung durch den Tod und der Vergänglichkeit von Welt und Leben. Wie auch die Maler im Zeitalter des Barock scheint Voß dem horror vacui eine Überfülle an Ornamente entgegensetzen zu wollen. Man hat mitunter den Eindruck, als wolle er den Tod totlabern, begraben unter einem Wall von großartigen Alliterationen, Assonanzen und geglückten Wortspielen (Zerebraler Zerberus, Sternen-Staub-Sauger, Barock-Brocken), die vor dem letzten und absoluten Schweigen feien sollen. / Mónika Koncz, Fixpoetry

Florian Voß
In Flip-Flops nach Armageddon
Verlagshaus J. Frank
2013 · 100 Seiten · 13,90 Euro
ISBN: 978-3-940249-78-4

4 Comments on “73. Apokalypso

  1. Hammergeiles Ding! Der Band ist unfassbar gut! Florian Voß ist ein Dichtergott! Und jetzt nachträglich auf der Liste der glücklichen Wort- und Ästhetikspieler gelandet. Ästhetizistischer Terror at its best!

    Vergesst die Rezensionen, Leute! Kauft „In Flip-Flops nach Amageddon“!

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