54. Zur Verteidigung Theo Breuers gegen einen seiner Bewunderer

(Von Jan Kuhlbrodt, Postkultur)

Heute las ich im Poetenladen einen Text, der zum Ziel hatte, Theo Breuer zu loben. Dieses Ansinnen kann ich verstehen, denn kaum ein anderer Autor und Leser widmet sich derart intensiv der Gegenwartslyrik und liest, was es zu lesen gibt. Allerdings ist dem Breuerlob folgender Absatz vorangestellt:

“Die virulente Lyriklandschaft im deutschsprachigen Raum krankt mitunter daran, dass sie Dichter hervorbringt, die sich für Universalgenies halten. Statt sich mit der Gewissheit zufriedenzugeben, eine Stimme lyrischen Sprechens zu reprä­sen­tieren, diese zu kultivieren, weiter­zu­entwickeln, sie zu pflegen und daran zu arbeiten, scheinen solche Dichter mit dem Irrglauben zu liebäugeln, ihrer persönlichen Poesie könne es gelingen, die Sprache neu zu erfinden. Haftete einem solchen Vorhaben schon in jeder Epoche eine gewisse Absur­dität an, so erscheint diese in unseren Zeiten, in denen kaum noch jemand Lyrik liest, geradezu ins Kuriose gesteigert.”

Abgesehen davon, dass ich es für eine Dummheit halte, sich mit irgendeiner Gewissheit zufriedenzugeben, scheint mir die Mahnung, die darauf folgt doch ziemlich piefig: “eine Stimme lyrischen Sprechens zu reprä­sen­tieren, diese zu kultivieren, weiter­zu­entwickeln, sie zu pflegen und daran zu arbeiten”. Liebe Kollegen: tut das bloß nicht. Die lyrische Produktion mündet sonst in Verfassen gereimter Glückwunschkarten.

Aber worauf bezieht sich dieser Absatz eigentlich, oder genauer, auf wen? Ich meine, der Autor des Artikels (Cristoph Leisten) ist einer der Letzen, der sich noch am Bild des Universalgenies orientiert, und er will diese Plakette im Folgenden auch Theo Breuer verleihen. Solches Lob geht nach hinten los und entspringt einer perfiden militärischen Strategie, die das Feld zunächst einebnet, um dann ihr kleines Fähnchen darauf zu pflanzen, dass es großartig wirke. Das hat Breuer nicht verdient.

10 Comments on “54. Zur Verteidigung Theo Breuers gegen einen seiner Bewunderer

  1. ich möchte an dieser Stelle gern noch ein Buch empfehlen. Theo Breuer: Aus dem Hinterland – Lyrik nach 2000.Edition YE 2005. Hier erlebt man einen kenntnisreichen und empathischen Leser, wie es nur wenige gibt.

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  2. Nun ja, aus Christoph Leistens Gedanken kann man ableiten, dass die Lyrik eigentlich nicht nur sich selbst reflektieren muss, sondern auch ihre Bedeutungslosigkeit zum Gegenstand haben sollte. Dazu erscheint übrigens morgen oder übermorgen im poetenladen ein hammerharter Essay von Gerhard Falkner, der von bloßer Literaturimitation spricht, die als Literatur verkauft wird. Worauf ich hinaus will, es ist richtig die weitreichende Bedeutungslosigkeit der Lyrik in Relation zur gemeinten und geglaubten Bedeutung ihrer Produzenten zu setzen, also so wie man mit einer Nagelfeile keinen Baum fällen kann, kann man mit Lyrik keine künstlerische wirkungsvolle und relevante Arbeit mehr vollziehen. Da das Publikum fehlt. Nun wirbeln die letzten Mohikaner in diesem Vakuum – unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit. Da kann dann Postkarten- und Geburtstagslyrik (Jeff Koons etwa in der Kunst) – da sie zumindest eine Funktion hat – relevanter finden als poetisches Experiment und poetische Intellektualität, die ihr Ableben nicht erkannt hat, nicht einsehend, dass sie nur vereinzelt künstlich am Leben gehalten wird. Man könnte auch – wenn ich denn martialisch eingestellt wäre – vom Engagement der Zinnsoldaten sprechen. Ich persönlich mag diesen aussichtslosen Kampf und stehe ganz auf seiten der künstlerischen Avanciertheit, aber bitte, nicht ohne dass wir uns dabei über uns kaputtlachen..
    Andreas

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  3. 1. Was heißt Bedeutungslosigkeit? ist Lyrik Bedeutungslos, weil sie nur eine begrenzte Menge Menschen erreicht? Einen Teil der Gesellschaft? Muss man Bedeutung also an der Gesamtmenge der Konsumenten messen?
    2. Was hält also Lyrik trotz ihrer Bedeutungslosigkeit (der ihr unterstellten, meine ich) am Leben?

    Sie ist vielleicht unmittelbar kein Wirtschaftsfaktor, und vielleicht ist ja gerade das ausschlaggebend für „Bedeutung“ unter Marktökonomischen Bedingungen.
    Aber Lyrik ist auch ein Moment gesellschaftlicher Selbstreflexion (vermittelt) und natürlich ist diese Selbstreflexion nicht der Anlass des einzelnen Gedichtes. Die „Gesellschaft“ ist nicht der Auftraggeber und der Dichter oder die Dichterin nicht der Befehlsempfänger. Bedingung der Lyrik (wie jeder anderen Kunst) ist ihre Freiheit. Und unter dem Blick auf die Vermarktung der Produkte mag diese Freiheit zuweilen wie Irrelevanz erscheinen. In Diktaturen übrigens sieht das schon vollkommen anders aus.

    Aus dieser verallgemeinernden Position sprechen wir natürlich nicht über das einzelne Gedicht (Qualität und dergleichen), denn das je einzelne Werk verlangt einen speziellen Diskurs. Und daraus erwächst seine Bedeutung über die Marktpolitische Irrelevanz hinaus.

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  4. Lieber Jan Kuhlbrodt,

    Ihre Wertschätzung für Theo Breuer freut mich sehr. – Es lag mir aber fern, ihn als „Universalgenie“ zu empfehlen. Was ich an Theo Breuer vielmehr schätze, ist seine bemerkenswerte Bescheidenheit – bei gleichzeitig herausragendem Wissensstand bezüglich der Welt der Poesie. Dies sind die beiden Fundamente seiner eigenen Dichtung, und sie tragen diese Dichtung gut. Diese beiden Fundamente bewahren ihn auch davor, sich für ein Universalgenie zu halten.

    Übrigens dachte ich nicht ganz bestimmte Dichter, als ich den ersten Abschnitt dieses Textes für den „Poetenladen“ schrieb. Die, die sich für Universalgenies halten, mögen zwar temporär den Betrieb ein wenig durcheinanderbringen, aber sie sind dann irgendwann auch wieder verschwunden. Und damit zwar ein Ärgernis, aber letztlich kaum erwähnenswert.

    Wovon die Lyriklandschaft lebt, ist ihre poetische Vielfalt. In dieser Vielfalt darf jeder, der ernsthaft daran mitarbeitet, durchaus (und mit Verlaub: jenseits des cartesianischen oder des Wittgenstein’schen Zweifels) die Gewissheit empfinden, eine Stimme zu haben, eben wenn er daran (mit-)arbeitet. Ich möchte Theo Breuer neben Jan Kuhlbrodt neben Raoul Schrott neben Ulrike Draesner neben Walle Sayer neben Ann Cotten neben Ulf Stolterfoth neben Christoph Wenzel sehen. Und diese Reihe ließe sich vielfältig fortführen.

    Wenn die Debatten über Poesie – ob in den letzten Jahren, in diesen Tagen oder in Zukunft – dazu betragen, diese Vielfalt zu bewahren und zu fördern, erscheinen sie mir fruchtbar (und möglicherweise sogar geeignet, den einen oder anderen Leser hinzuzugewinnen). Wo aber die Debattenbeiträge dahin tendieren, axiomatisch eine bestimmte Art des Dichtens einzufordern (und das passiert in den poetischen Debatten leider nicht selten), da wittere ich einen Hang zum Universalgenie, der mir gefährlich erscheint…

    Beste Grüße

    Christoph Leisten

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  5. Aber, wer, zum Henker, sind denn nun die Esel, die sich für Universalgenies halten? Was ist dann bloß los, wenn Argus-Kritikus Leisten nicht an bestimmte Dichter dachte. Bei wem verfängt denn die Anklage „Die Universalgenies bringen die randständige Lyrik in Verruf“ dann bloß? Und was soll das Ganze dann überhaupt? Einfach mal auf gute Glück nen Schrotschuss abgegeben? Wird sich schon wer melden, dem man dann ein „Ätsch!“ entgegenprusten kann?

    Was für eine Vielfalt meint Lehrer Leisten bloß? Einen Stil ausprägen und damit ein karrieristisches Profilchen, das soll schon Mitarbeit „an der Vielfalt“ sein? Echt? Das klingt so nach Kopfnote, dass es mich fröstelt. Gut, dass es die Rimbauds, Dickinsons und Klings auch weiterhin unter andern Namen gibt! Du meine Güte! Die arbeiten nicht an der Vielfalt der Stimmen mit, wie ein Einserschüler und Karrieristen in spe; die Genies dichten, so selbstverständlich wie andere atmen, so wie der Bandwurm fraglos und zweifellos frisst. Daher der Bammel der Literaturbeamten!

    Was scherts einen, ob Theo Breuer oder xyz neben wer-weiß-wem eingereiht wird? Man merkt doch gleich: Da steckt ein Deutschlehrer dahinter. Da muss alles seine Ordnung haben und sein Etikett und seinen Vermerk im Klassenbuch. Und alles zum Wohl des Lesers. Jawoll! … „Und immer an die Leser denken!“ (Focus)

    Schlussendlich: Wo Herr Leisten „axiomatisch“ schreibt, da müsste übrigens „vehement“, „beherzt“, „ungestüm“ stehen. Ich hat mal notiert: „Man kann nicht sitzend dichten!“ – Da war Ich siebzehn. Hatte auch so einen Deutschlehrer mit Dichterallüren, der von einem vielstimmigen Chor faselte. Christoph Buchwald, der das immer mehr verkümmernde Jahrbuch mitherausgibt, dem beständig geniale Stimmen (wie überhaupt Einsender! 5.000 warens noch fürs Lyrikjahrbuch 2008) abhanden kommen, hat sich anlässlich eines Nachwuchswettbewerbs in Berlin auch unter Verwendung dieses Polyphonie-Sinnbilds geäußert, wirkt so wohl auf viele plausibel? … Merken diese selbsternannten Poetenerzieher und Lyrikvonjetztheinis nicht, wie sehr das nach „Marsch, zurück in die Kolonne!“ oder „Zurück ins Glied!“ klingt?! Dass sogar ein Begriff wie „Kollektiv“ negativ besetzt würde, durch das Kompositum „Lyrikkollektiv“ – liegt an den Einserdichtern, wie sie Herr Leisten sich wünscht. Und wie sie längst auf dem Vormarsch sind.

    Wird Zeit für die Gründung des Ersten Lyrik-Gesang-Vereins!

    Ernsthaft: Jeder Kanon muss seinen Gegenkanon im Rücken fürchten, wie der Besatzer den Partisanen. Die Partisanen haben in Leistens Aufsatz das Beiwort „axiomatisch“ erhalten.

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  6. Nur, um weiteren Missverständnissen vorzubeugen:

    Nichts ist mir fremder als die Vorstellung von stromlinienförmigen Menschen (oder: ebensolchen Künstlern!) und Beamtentum. Wer mich kennt, wird das bestätigen können. Aufbegehren gegen gegebene Strukturen ist mir allemal lieber als jedes Verharren in Reih und Glied.

    Als ich den kleinen Aufsatz über Theo Breuer begann, da hatte ich das Bedürfnis, herauszustellen, was ihn und seine Poesie eigentlich so besonders macht – und was mich an seiner Dichtung beeindruckt. Was ihn so besonders macht, das ist nach meinem Empfinden sein ungeheures Wissen, seine außergewöhnliche Einfühlung in all die vielen Stimmen der Lyrik. Und als ich mir diesen Zusammenhang noch einmal bewusst machte, da war plötzlich der Begriff des „Universalgenies“ da, als Gegenbild zu Breuer und dessen Poetik.

    Was sind das für Leute, die ich – ironisch – mit dem Begriff „Universalgenie“ belege? (…ungeachtet der Tatsache, dass es in der Literaturgeschichte natürlich stets „echte“ Universalgenies gegeben hat und möglicherweise immer geben wird, wie sich dann irgendwann später, sicher aber nach ihrem Ableben, herausstellen wird)

    Nun, ich will versuchen, es zu erklären: Oft schreibt dieses sogenannte Universalgenie wirklich sehr, sehr gute Gedichte. Zweifellos hat das Universalgenie auch einen fundierten poetischen Horizont und kennt so einiges aus Tradition und Gegenwart. Vor allem aber gilt eines: Das Universalgenie glaubt an seine eigene, außerordentliche Bedeutung. Und vor diesem Hintergrund bewirbt sich das Originalgenie fürs nächste Buch gerne bei ausgewiesenen Lyrik-Verlagen (deren restliche Produktion es, abgesehen von vielleicht drei, vier Bänden, weder kennt noch kennenzulernen wirklich interessiert ist), bei renommierten Zeitschriften (deren Ausrichtung und deren Autorenstamm ihm eigentlich ziemlich egal sind), bei Literaturfestivals (wo es vornehmlich als Headliner auf dem Plakat stehen will, ohne die anderen Namen überhaupt buchstabieren zu können) und für Sammellesungen (bei denen es sich dann nur deshalb nicht „schuldig“ macht, die vorgesehene Lesezeit um das Dreifache zu überschreiten, weil es die angesetzten Zeitvorgaben überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat). – Das wäre alles nicht schlimm, wenn es sich bei solchen Menschen um marginale Dilettanten handeln würde. Aber mir scheint, dass dies in manchen Fällen nicht so ist. Es gibt diese Leute. Sie sind – gottseidank – nicht in der Mehrheit und machen de facto vermutlich nicht mehr als 5-10 Prozent der Szene aus. Übrigens glaube ich, dass Menschen lernfähig sind und eine Haltung auch ändern können. Auch das habe ich vielfach erlebt. Schon von daher versteht es sich von selbst, keine Namen zu nennen, ja nicht einmal an bestimmte Namen zu denken. Ich wollte niemanden „bashen“, und wenn diese Zeilen als Bashing verstanden werden können, dann allenfalls als eines, das gegen Bashing gerichtet ist. In der überwältigen Mehrheit erlebte ich in der Lyriklandschaft eine poetische Solidarität und ein Miteinander, die mir wertvoll und fruchtbar erscheinen.

    Liebe Grüße

    Christoph Leisten

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  7. universaljenny is a great name. that’s all there is to it. a poetic achievement. right in between all of those wortspenden. including her own. solidarity, yes. among poets? often, yes. often, not. so what? more solidarity among many other people, including some poets and readers, would be great. and more important first, probably.

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    • Universaljenny´s community´s first name. The eagle never lost so much time, as when submitted to learn from the crow. Igel verlor niemals soviel Zeit, wie damit, aus der Krone was herauszugucken!

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