98. Der Lyrikverächter

Der Lyrikverächter liebt die Lyrik. Nur eben nicht diese. Es quält ihn, daß so viele Unberufene ihre Sachen unter dem Namen Lyrik veröffentlichen dürfen, wo es doch die wahre Lyrik gibt. Manchmal hat er sie selber geschrieben, manchmal fördert er sie, lobt sie, druckt sie. Nur eben nicht alle. Letztere, die Lyrikverleger unter ihren Verächtern, sind übrigens oft liebenswerte Menschen, die sich für die Lyrik aufopfern. Niemand käme auf die Idee, sie zu kritisieren, wenn sie nicht in ihrem Eifer für die richtige, die gute, die von ihnen gedruckte Lyrik ab und zu zum Gegenangriff gegen den von ihnen verachteten Teil der Lyrik übergingen, der rein quantitativ so viel größer ist als die wahre Lyrik.

Der Lyrikverächter sind viele. In ihrem Eifer gegen die von ihnen verachtete Lyrik zitieren sie gern andere Lyrikverächter. Dabei, der Eifer machts, ist es ihnen egal, ob die von ihnen Zitierten das gleiche lieben und das gleiche wie sie wollen. Es reicht daß sie das gleiche verachten. Da es aber so viele, und so viele verschiedene, Lyrikverächter gibt, ergibt das ein dichtes, dickes, wirres Netz von Kreuz- und Querzitaten, das den Anschein erweckt, ein Kartell sei am Werk.

Diese Netzwerke aus dicken und dünnen Linien bilden mir (der auch manches verachtet und manches weniger schätzt), da ich sie lange beobachte, innere Landkarten, die ich als Teil eines wachsenden Lyrikatlas sehe. Sehe! Also, rufe ich mir hiermit zu, ans Werk, gib uns deinen Atlas der Lyrikverächter! Naja, wehre ich ab, nicht gleich ein Atlas. Fangen wir mit einer Typenkunde an. Ich denke drüber nach.

(Es gibt übrigens auch Ignoranten, die Lyrik so sehr verachten, daß sie „Lyrik!“ ausrufen, wenn jemand im Bundestag herumeiert. Mit denen wollen wir uns nicht befassen.)

3 Comments on “98. Der Lyrikverächter

  1. das schöne ist, dass sich alle in ihrer umgebung sowohl als bewohner von weltzentren als auch von widerständigen gallischen dörfern begreifen. ich bin sehr gespannt auf die karte, werfe ihr aber schonmal heliozentrismus vor.

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  2. Den gleichen rhetorischen Schachzug parodiert Jürgen Buchmann in der XXIV. Miniatur seiner „Grammatik der Sprachen von Babel“: „Die Sprache zeichnet sich hierzulande durch eine große Zahl von Redewendungen aus, die Wert und Würde des Menschen gelten. Diese Wendungen genießen solches Ansehen, dass ihr Gebrauch den Vornehmen des Landes vorbehalten ist. Gesindel, das sie missbräuchlich im Munde führt, um etwa Küchenabfälle zu erbetteln, wird streng gerügt und der Türe verwiesen.“

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