99. Gruppendynamik

Im Berliner Verlagshaus J. Frank gibt es auch eine kleine Reihe „Poeticon“, die sich mit all den lästigen, schönen, verwirrenden und verblüffenden Fragen beschäftigt, über die Literaturmacher so stolpern. Es gibt ja bergeweise Gedrucktes. Aber wo fängt wirklich ein Gedicht an? Was ist Stil? Und was ist schlechter Stil? Oder gibt es überhaupt noch Maßstäbe für einen guten Stil, wenn gilt: Alles ist möglich?

Immerhin hielt das 20. Jahrhundert die Moderne parat und die Postmoderne, wurden Götter und Schulen gestürzt. Der Buchmarkt wurde geflutet. Bestsellerlisten bestimmen, was gekauft wird. Und trotzdem gibt es immer noch Leute, die gern schreiben möchten. Literarisch schreiben. Sie versuchen es im Selbstverlag, besuchen Hochschulen, Workshops und Seminare, beteiligen sich an Wettbewerben, beschicken Literaturzeitschriften, betreiben Blogs oder treffen sich gar in Lyrikwerkstätten, um mit anderen über ihre Gedichte zu reden, zu diskutieren, was zu lernen. Als wenn Schreiben ein Handwerk wäre, das man lernen könnte.

Bertram Reinicke: Gruppendynamik.

Foto: Ralf Julke

Kann man, sagen die Lehrer. Kann man vielleicht doch nicht, sagt Bertram Reinecke. Er ist nicht nur selbst Autor und Verleger, er leitet auch gern solche Werkstätten, weiß also, was da passiert – und was nicht. Er weiß auch, dass nicht nur Profis und solche, die es werden wollen, solche Werkstätten besuchen. Aber sie sind natürlich die Mehrzahl. Und sie haben nicht nur Ambitionen, sondern auch Erwartungen. Dabei geht es nicht unbedingt um Ruhm. Aber eben doch um ein paar andere menschliche Eigenschaften, die sich selbst in der illustresten Runde ihr Recht verschaffen. Das ist die „Gruppendynamik“, von der Bertram Reinecke schreibt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Bertram Reinecke: Gruppendynamik
Verlagshaus J. Frank, 7,90 Euro

4 Comments on “99. Gruppendynamik

  1. Ja, danke für die Freude an dem Buch. Aber eine Sache verunsichert mich doch: Wenn man dem Büchlein irgendwie entnehmen kann, dass der Schreibgruppenleiter immer einen Wissensvorsprung hat, dann habe ich irgend etwas verkehrt gemacht, denn genau das glaube ich nicht.
    Deutlich ist allerdings Armins Punkt: Ja ich glaube, dass dem Leiter durch seine Rolle immer eine Macht zuwächst. Und zwar auch dann, wenn er sie gar nicht eigens haben möchte. Ich glaube, (mir scheint im Gegensatz zu Armin) man kann sich nicht dafür oder dagegen entscheiden, selbst wenn man wollte. (Wir sind ja alle gute Demokraten!) Man kann sich nur entschließen vorsichtig mit ihr umzugehen und sie nicht künstlich aufzublähen. (Wozu im Zweifelsfalle, so meine ich, die bloße durch die Rolle gegebene Macht auch ohne Wissensvorsprung bereits ausreichen kann.)
    Ich wollte umgekehrt ja vielmehr zeigen, was passiert, wenn dieser Machtzuwachs nicht reflektiert wird, wie sich manchmal (ich betone nochmals: auch ganz ohne Absicht des Leiters) als scheinbarer Wissensvorsprung ausspricht, was ein Machtgefälle war und wie sich das negativ auf die Gruppe auswirken kann. Ich wollte einfach meine Beobachtungen dazu zusammenfassen auch wenn das auf manchen etwas düster wirken mag. Ich habe das Gefühl, das man zwar sowas oft beobachten kann (selbst bei zurückhaltenden, ja unsicheren Gruppenleitern), dass aber kaum und wenn überhaupt meist unsachlich darüber geredet wird.

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  2. So ein Buch hat gefehlt. Es gibt ja Schreibgruppen aller Couleur wie Sand am Meer. Im Buch werden ganz viele Fragen behandelt und es geht auch in die Tiefe. Es entlarvt geradezu viele Mechanismen der Schreibgruppenwelt. Ich bewege mich seit 2000 in Schreibgruppen und gebe seit 2000 selbst welche. Deshalb: Ein paar wenige Punkte sehe ich anders, so z. B. wo das Buch davon ausgeht, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis statisch und gesetzt ist, also dass der Dozent immer einen Macht- und Wissensvorsprung hat und ggf. auch munter seine Macht missbraucht. Das muss nicht so sein. Es gibt Schreibgruppen, wo der „Dozent“ rotiert. Da die Hierarchie als gesetzt betrachtet wird, folgen daraus einige Probleme. Auch scheint mir die Idee der Inklusion nur am Rande Eingang gefunden zu haben. Ich möchte dazu noch einen Artikel verfassen, zumal wir bei unserem Autorenfrühstück in München in kleinerer Gruppe zu Bertrams Reineckes „Gruppendynamik“ und ihren Thesen ganz gruppendynamisch Kurzessays geschrieben haben. Das ist bereits in Arbeit. 😉

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  3. das ist eine tolle idee, das zum thema zu machen! finden sich dort auch reflexionen über die grupp endyn amik im kommentarfeld der lyrikzeitung? ist es möglich, aus der publikation ein paar stellen hier mal als kostprobe zu zitieren? ich selbst begegnete dem thema erstmals 1988 in einem theaterpädagogischen workshop, wo es viel ums „bewußte“ atmen und „bewußte“ bewegen ging. danach hatte ich erstmal keinen bock mehr auf diese art von „bewußtheit“, weil ich diese überintensive selbstwahrnehmung als ziemlich fanatisch quasi-religiös empfand, vorallem den ZWANG, darüber REDEN zu MÜSSEN… in der gruppe… dynamisch… und so – wie in einer sekte! in bezug auf den literatur-BETRIEB fällt mir zum thema gruppendynamik hubert fichte ein, in seinem sogenannten „lesebuch“ von 1976:

    „In keinem Land rechnen Literaten so unbarmherzig miteinander ab, so unritualisiert, so ungeschützt durch Traditionen, Konventionen, Spielformen, Sitte, so kleinbürgerlich – und oft gerade die fortschrittlich Genannten.“

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