20. Heute

vor 300 Jahren wurde Denis Diderot geboren, der Verfasser großartiger Romane, darunter mein Favorit Jacques le Fataliste, Jakob der Fatalist (im Deutschen oft als „Jakob und sein Herr“ übersetzt), er schrieb Dramen und Essays und gab mit d’Alembert die Encyclopédie heraus. Dieses Werk ist viel gerühmt, aber bis heute nicht vollständig übersetzt, warum eigentlich?

Goethe bewunderte ihn. „Rameaus Neffe“ hatte er lange vor dem Erscheinen des Originals nach einer handschriftlichen Kopie übersetzt. „Jacques le Fataliste“ erschien im Original 1796, aber es kursierten zahlreiche Abschriften, Samisdat im 18. Jahrhundert, nach einer erschien 1792 die erste deutsche Übersetzung, aber schon 12 Jahre vorher bekam Goethe eine Abschrift des Originals in die Hand und las sie am 3. April 1780 mit Begeisterung. In sein Tagebuch schrieb er:

Von sechs Uhr bis ein halb zwölf Diderots ‚Jacques, der Fatalist‘ in der Folge durchgelesen, mich wie der Bei zu Babel an einem solchen ungeheuren Maale ergözt und Gott gedanckt, daß ich so eine Portion mit dem größten Apetit auf einmal als wars ein Glas Wasser und doch mit unbeschreiblicher Wollust verschlingen kan

Solche Romane konnte er schätzen, aber nicht selber schreiben. Diderot konnte es. Ich glaube, noch der Vorsprung der französischen Erzähltheorie vor der deutschen im 20. Jahrhundert verdankt sich der Tatsache, daß die Franzosen schon im 18. Jahrhundert so komplexe (und dabei bezaubernde) Erzählwerke hatten.

Der Aufklärer wurde Opfer der Zensur, natürlich. In dem Enzyklopädieartikel „Untreue“ strichen sie ihm diese Sätze:

Le prêtre a beau dire aux pieds des autels à deux êtres qui n’ont point été faits l’un pour l’autre, je vous unis et rien ne vous séparera. La nature donne le démenti au prêtre, et prend l’homme ou la femme par la main, et le promene par tout où il lui plaît.

Der Priester mag am Fuß des Altars zu zwei Wesen die nicht für einander gemacht wurden sagen, ich verbinde euch und nichts kann euch trennen. Die Natur widerlegt ihn, nimmt den Mann oder die Frau an der Hand und führt sie wohin es ihr beliebt.

Ich habe damit begonnen, lyrikrelevante Artikel aus der Enzyklopädie (in der Regel stammen sie nicht von Diderot) für Lyrikwiki zu benutzen und werde auch hier Angelegentliches einrücken.

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