7. Lesekränzchen

Meinolf Reul schreibt in seinem Blog Denkmuff:

Beim letzten Lesekränzchen ernteten die zwei von mir herumgereichten Hefte der Referenzfläche von Mara Genschel vor allem irritierte, ratlose, befremdete und belustigte Blicke. Ob nicht in Wahrheit ich sie hergestellt hätte, wurde ich gefragt.
Später, nachdem ich meine untenstehende Kritik verschickt hatte, entspann sich eine per E-Mail geführte Diskussion, die ich mit freundlicher Erlaubnis der Diskutanten hier in leicht gekürzter Fassung dokumentiere.
Wer möchte, kann den Faden gerne aufnehmen und mit diskutieren.

Auszug aus seiner Kritik:

Mara Genschel radikalisiert sich. 12 Texte enthält die zweite Folge ihres kleinauflagigen, je 50 Exemplare zählenden, Fortsetzungswerks Referenzfläche, in dem sie erkundet, wie weit ein Text destabilisiert werden kann, um am Ende doch immer noch als Text dazustehen. In der 2# treibt sie ihre Forschung weiter voran, das ist spannend, auch mit Bangheit (wo führt das hin?), zu verfolgen und wirft einige Fragen auf – nicht an die Autorin, sondern an die Form: Wie definiert sich ein Text? Was ist ein Vers?

„ERHABENES für G. Falkner“ ist so etwas wie ein Tacet-Stück, sehr schlau. Es geht über zwei Seiten, die Seiten 16/17. Da das Heft insgesamt 32 Seiten umfasst, steht es also zentral, sicher nicht von ungefähr. Korrespondierend zu Titel/Zueignung auf der linken Seite links oben steht auf der rechten Seite rechts unten: „(entnehmbar)“, das als Lesehinweis verstanden werden kann, als Art Regie- oder Spielanweisung (die ja auch meist in Klammern gesetzt sind). Diese verschwiegene Berührung mit dem Theater wird vom Text – und es wäre zu diskutieren, ob es sich bei „ERHABENES“ nicht eigentlich, präziser, um ein Gedicht handelt – voll eingelöst, insofern als die beiden es konstituierenden Verse inszeniert sind. Und als Verse können sie mit gleichem Recht bezeichnet werden wie die versifizierten Längen- und Kürzezeichen in „Fisches Nachtgesang“ (1905) von Christian Morgenstern. Genschel geht gegenüber Morgenstern allerdings noch einen Schritt weiter; verwendete dieser wenigstens noch Schriftzeichen für die Notation der Stummheit, klebt Genschel zwei Streifen Tesafilm, waagerecht aufgebracht, jeweils auf die Mitte der Seite. Diese Tesafilmstreifen sind längs unregelmäßig gefaltet – die Falten bilden etwas Erhabenes, über das man mit dem Finger fahren kann.

Mara Genschel, Referenzfläche (2#). 12 Texte mit Eingriffen [Tesa/Fremdtext/Tinte/Edding]. 32 Seiten, geheftet. Einband: Chromolux/Edding. Auflage: 50 Exemplare. Berlin 2013. 5,00 Euro

Aus der Diskussion:

Bewundert stehe ich vor den schönen Sätzen und klugen Gedanken, die M. und F. niederschreiben. Nie käme ich dazu, mit solcher Sicherheit Tesafilmstreifen und “Geest” zu deuten, vielmehr müsste ich wild herumspekulieren, was einfach daran liegt, dass ich keine Erfahrung mit solchen Texten habe und keine Zugänge kenne. Jeden geäußerten Denkansatz empfinde ich also als äußerst lehrreich für mein nüchternes Mathematikerinnenhirn.

Vor die Beurteilungsalternative “Ästhetische Erhebung” oder “Hurz” gestellt, entscheide ich mich auch weiterhin gerne für das Dritte.

Es winkt in die imaginäre Runde
F.

7.
Lieber F.,

ich gebe Dir in allem Recht, außer in der Sache mit Mara Genschel.

Wird da am Ende nicht eventuell die immer vorhandene Tendenz zur Selbstinszenierung ins Extrem gesteigert? Schluckt da die Autorprofilierung nicht wirklich die Substanz (Melos, Aussage, Ansprache)? “Rhein, ich”, sehr brillant von Dir aus dem “Heinrich” herausgeholt — und gleichwohl wäre Heinrich ja auch die Chance, dem reinen Ich mal für ein paar Minuten zu entgehen und etwas in die Welt zu setzen, was, was weiß ich, Hoffnung verbreitet oder ein Lächeln. Statt einfach nur das Entropielevel hochzutreiben. […]
R.

11.
[…] (Die Geest ist nicht nur eine Landbeschaffenheit – sondern auch Firmenname (steht auf diversen Güterwaggons, die u.a. die Felsen am Rhein tunneln, jedoch nicht in Versalien) […])
MG

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