111. Der Sprache wegen

Das Leben sei nicht interessant genug, liess er verlauten, um ihm das Vergnügen am Schreiben zu nehmen. «Le Monde» wartete anlässlich der Publikation der Gedichte mit einem Porträt des Schriftstellers auf und stellte die Frage, ob dessen Name zum Adjektiv tauge und «houellebecquianisch» in naher Zukunft zum Synonym von «trivial gegenwärtig» und «ausweglos» zu werden drohe. Vom Rezensenten wurde der Poesieband als eine Summe von «Wortfetzen», als Sammlung bruchstückartiger Bekenntnisfragmente bezeichnet, die zu einer «intellektuellen und geistigen Nähe» mit dem Dichter einlade.

Das mediale Interesse, das das Erscheinen des schmalen Buches ausgelöst hat, zeugt in erster Linie vom öffentlichen Status, den der Autor in Frankreich geniesst. «Configuration du dernier rivage» ist Houellebecqs erste Veröffentlichung, seit sein jüngster Roman, «Karte und Gebiet», vor drei Jahren mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Im letzten Dezember, zehn Jahre nach seinem Auszug ins selbstgewählte Exil (und zeitgleich mit Depardieus Steuerflucht), kündigte er zudem die Rückkehr ins Heimatland an; nicht aus politischen Gründen, wie er sich zu erklären beeilte, sondern allein «der Sprache wegen». (…)

Der Lyrikband, in fünf Teile gegliedert, variiert sowohl in der Form als auch im Tonfall. Viele Gedichte bestehen aus klassischen Alexandrinern, einige kippen ins Prosaische, die verstockte Klage – «Ich fürchte mich vor den Anderen. Man liebt mich nicht» – alterniert mit humoristischen Momenten: «Ein Alligator hat irgendwo in Florida drei australische Touristinnen verzehrt» liest man im Eingangsgedicht des letzten, «Plateau» betitelten Zyklus. Manche Verszeilen, etwa im Gedicht «Isolement», sind von bemerkenswerter Einfachheit; deren Beschaffenheit hatte Houellebecq wiederum sehr nüchtern auf seine Atemlosigkeit zurückgeführt, eine Folge seines Kettenrauchens, wie er anlässlich eines «Exklusivinterviews» mit dem Staatssender France Culture kundtat.

Bei genauerem Hinsehen öffnet sich der Band jedoch auch einem Bezugssystem, in dem vor allem die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts prominent vertreten ist. Mallarmés «Coup de dés» wird gleich mehrmals evoziert, auch eine Anspielung auf Baudelaires «Poison» (wenig glamourös, in der Reimfolge «Tequila Sunrise» und «moonlight paradise») und eine Variation von Rimbauds berühmter Verszeile über die «bittere Schönheit» sind auszumachen. / Patrick Straumann, NZZ 29.5.

Michel Houellebecq: Configuration du dernier rivage. Flammarion, Paris 2013. 96 S., € 15.-. (eBook-Preis: 11,99 €)

2 Strophen aus dem Gedicht „Isolement“ im Original und zwei englischen Nachdichtungen (mehr hier)

Michel Houellebecq

ISOLEMENT

Oų est-ce que je suis ?
Qui ętes-vous ?
Qu’est-ce que je fais ici ?
Emmenez-moi partout,

Partout mais pas ici,
Faites-moi oublier
Tout ce que j’ai été
Inventez mon passé,
Donnez sens ā la nuit.

Englisch von Clint Margrave:

Isolation

Where am I?
Who are you?
What am I doing here?
Take me anywhere,

Anywhere but here,
Make me forget
All that I was
Invent my past,
Give sense to the night

und von Michael Zeleny:

Isolation

Where is it that I am?
Who is it that you are?
What am I doing here?
Convey me everywhere,

To every place but here,
And cause me to forget
Each thing I’ve ever been
And improvise my past,
Give meaning to the night,

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