19. Dilemma

Im Zuge der heftigen Debatten um Oskar Pastiors IM-Akte stand von Anfang an die Frage im Raum, ob auch sein literarisches Werk neu bewertet werden müsse. Als Stefan Sienerth vor zweieinhalb Jahren mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit trat, dass Oskar Pastior von Juni 1961 bis April 1968 als IM „Stein Otto“ beim rumänischen Geheimdienst Securitate unter Vertrag gestanden hatte, plädierte er am 17. September 2010 im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa für eine „neue Lesart“ von Pastiors Werk: „Seine Lyrik hat eine eigenartige Bildlichkeit – und eine neue Untersuchung vor diesem Hintergrund ist bestimmt nicht uninteressant.“ (…)

Beispiele für die Verunsicherung im Umgang mit dem literarischen Oeuvre von Oskar Pastior ließen sich viele nennen. Hier sei lediglich ein weiteres herausgegriffen, um das Ausufern der Diskussion zu verdeutlichen. In der Zeitung für Literatur Volltext vom 29. März 2011 hat der Publizist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold die Frage aufgeworfen, „inwieweit Pastiors hermetischer Formalismus […] als subversiv beziehungsweise als simulativ zu gelten hat und ob bei ihm allenfalls ,zwischen Zeilen‘ schon längst festgeschrieben steht, was sein ,Ordner‘ erst heute an Dokumenten freigibt“, um dieser Hypothese zufolge ein close reading zu fordern, das „im Hinblick auf ,verschwiegene‘ oder ,verdunkelte‘ oder ,verfremdete‘ Informationen“ unerlässlich sei, „da der Autor […] sein zweites Trauma, den IM-Dienst, bis zu seinem Lebensende konsequent tabuisiert hat“.

Weil zahlreiche Spekulationen und Unterstellungen die Auseinandersetzung mit Pastiors IM-Vergangenheit begleitet haben, sieht es die Oskar-Pastior-Stiftung als ihre Aufgabe an, die Debatte zu versachlichen und mit ebenso detaillierten wie fundierten Forschungsergebnissen nicht allein für biografische, sondern auch für literarische Klarstellungen zu sorgen. Ein erster Schritt auf diesem Weg war das Symposion mit ausgewiesenen Literaturexperten am 23. Juni 2012 in Berlin (diese Zeitung berichtete), dessen Ergebnisse nun ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK unter dem Titel „Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior“ präsentiert. / Edith Konradt, Siebenbürgische Zeitung

Versuchte Rekonstruktion – Die Securitate und Oskar Pastior. Herausgegeben von Ernest Wichner. Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur, Sonderband, München, 2012. ISBN 978-3-86916-199-0, Euro 24,00

Oskar Pastior: Lesen gehn … Gedichte, gelesen und teilweise kommentiert von Oskar Pastior, Urs Allemann, Oswald Egger, Péter Esterházy, Michael Krüger, Michael Lentz, Herta Müller, Ulf Stolterfoht und Ernest Wichner. 2 CDs, 142 Minuten, Hörbuch Hamburg, 2013, ISBN 978-3-89903-380-9, Euro 14,99

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