36. Geld für junge Dichter

In jedem Jahr erhalten fünf junge Dichter mit dem Ruth-Lilly-Lyrik-Stipendium Prestige, Publicity und Geld ($15,000).

Die Bekanntgabe der diesjährigen Stipendien verursachte einen kleinen Aufruhr im Internet, weil alle fünf an Männer gingen. Da hilft es nicht, daß die Stiftung eine umstrittene Einrichtung ist – ein wohlhabender Behemoth, dessen Präsident sich beschwerte, die heutige Lyrik sei nicht „unterhaltsam“ genug, und die Dichter aufforderte, sich an ein allgemeines Publikum zu wenden, das Unterrichten aufzugeben und wie Hemingway zu leben – mit Speerfischfang und so. Die Stiftung wurde 2003 gegründet, als Ruth Lilly, die einzelgängerische und exzentrische Erbin des Eli Lilly Pharmaziekonzerns, die Welt der Literatur mit einer $200.000.000-Spende an das Poetry Magazine schockierte, einst eine Avantgardezeitschrift, die Modernisten wie T.S. Eliot förderte. Kritiker sagen, die von dem Investmentbanker und Lyriker John Barr geführte Stiftung habe ihr Geld nicht gut angelegt. Zu ihren wahrnehmbaren Projekten gehört eine Website mit 12 Millionen Besuchern im Jahr, ein Hochschul-Vorleseprogramm, ein Redesign der Zeitschrift und, am meisten umstritten, ein $21.5-Millionen-Hauptquartier in Chicago. Barr verläßt die Stiftung im Juli, die Stelle übernimmt der anerkannte Lyriker und Kritiker Robert Polito, vielleicht ein Zeichen, daß die Stiftung auf die kritischen Stimmen hört.

Anders als diese Projekte kommen die Lilly-Stipendien direkt den Dichtern zugute. (Es gibt sie seit 1989, lange vor der Großspende.) Auch wenn man wünschte, daß unter den Gewinnern in diesem Jahr Frauen wären, kann man die Wahl der Stiftung nachvollziehen. Bei aller stilistischen Verschiedenheit hat jeder dieser fünf eine eigene Stimme. Ihre Gedichte sind musikalisch, sozial engagiert, in einem Fall leicht mystisch, in einem anderen Amerikas Rassenkämpfe beklagend… Das sind keine avantgardistischen Gedichte, weder elliptisch noch von exzentrischer Verschrobenheit. Sie bezeugen Liebe zur Sprache, analog zur Liebe des Designers für Muster und Textur. Die besten von ihnen flimmern auf dem Blatt, und sie düpieren unsere Vorstellungen von „poetischer Sprache“. Mit anderen Worten, es gelingt ihnen, schön zu sein und zugleich das zu benutzen, was Wordsworth „die wirkliche Sprache der Menschen“ nannte. / Meghan O’Rourke, Tmagazine

Die fünf Stipendiaten: Reginald Dwayne Betts, Richie Hofmann, Rickey Laurentiis, Jacob Saenz and Nicholas Friedman

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