35. Olga Martynova

In einem Essays hat Olga Martynova einmal den russischen Lyriker Joseph Brodsky zitiert, wie er die Lage eines Schriftstellers in der Diktatur und eines Schriftstellers in einem freien Land verglichen hat: „In beiden Fällen versucht ein Dichter eine ziemlich feste Wand mit seinem Kopf durchzubrechen. Im ersten Fall reagiert die Wand so, dass der physische Zustand des Dichters gefährdet ist. In zweiten Fall schweigt die Wand, und das gefährdet seinen psychischen Zustand. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was furchtbarer ist.“

Leningrad, 80er Jahre. Olga Martynova lernt Oleg Jurjew kennen. Er muss Mathematik studieren, weil er als Jude nicht Literatur studieren darf, der Antisemitismus in der Sowjetunion ist wenig subtil. Sie studiert Literatur in Abendkursen, am regulären Studium kann sie nicht teilnehmen. Der kommunistischen Jugend wollte sie nicht beitreten. Und in der Schule las sie ein Gedicht der unter Stalin verfemten Dichterin Anna Achmatowa vor. Irrtümlicherweise nahm ihre Lehrerin an, die Achmatowa sei nach wie vor verfemt gewesen.

Ihre eigenen Gedichte darf Olga Martynova nicht veröffentlichen, Oleg Jurjew nicht die seinen. Inoffizielle Schriftsteller sind sie, leben von Übersetzungen und irgendwelchen Schreibarbeiten. Eisern aber behaupten sie ihre wahre Identität, treffen sich mit Kollegen zu privaten Lesungen, gründen eine Literatengruppe, organisieren einen Untergrund mit Worten – ganz in der Tradition der von ihnen verehrten Dichtervereinigung „Oberiuten“. / Frankfurter Neue Presse

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