7. Unzuverlässiges Ich

Gerhard Falkners Gedicht beginnt mit dem Vorsatz, über das Nicht-Erinnern zu sprechen: „Es gibt hier nichts/was an dich erinnert“. Das ist ganz offensichtlich ein Widerspruch in sich selbst. Denn schon mit dieser Aussage zeigt das in einem sommerlichen Straßencafé sitzende Ich, wie intensiv es an den angesprochenen Menschen denkt. Wir dürfen seinen Aussagen also nicht trauen. Denn Wort und Bedeutung können sich weit voneinander entfernen. Der Sprecher des Gedichts steigert die behauptete Erinnerungslosigkeit ins Allgemeine und Absurde: „Es gibt hier auch niemanden sonst/der sich an irgendetwas erinnert“. Egal, ob hier einzelne Personen gemeint sind oder die Erinnerungskultur, die Überspitzung lässt das Gesagte als Autosuggestion erscheinen, als Abwehrhaltung, die im Laufe des Gedichts durch lyrische Raffinesse zerfällt und Raum für ein elegisches und trotzdem leichtes Erinnerungsgedicht schafft.

Viele der jüngeren Gedichte Gerhard Falkners erkunden nach Phasen der Sprach- und Kulturkritik nun den Innenraum des Ichs. Auch dieser Text gehört dazu. Es geht um einen Verlust, der sich anders als in Elegien der römischen Antike und des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr in Distichen, sondern in freien, aber doch höchst melodischen Versen artikuliert: ein fließender Gedankengang durch Jamben und Daktylen rhythmisiert und durch Enjambements in eine nachdenkliche Form gebracht. / Sandra Kerschbaumer, FAZ 2.3. (Frankfurter Anthologie)

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