98. Nadelstiche

Aus der Rede von Lydia Mischkulnig zur Premiere der Lyrikreihe „Nadelstiche“

Die Theodor Kramer Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Lyrik-Reihe zu eröffnen, die jährlich 2 bis 4 Bände ins Licht der Öffentlichkeit rücken soll. Damit werden Zugänge zu Lebenswerken ermöglicht und dem Vergessen entrissen Konstantin Kaiser schreibt: „Die Lyrik ist vermutlich die wichtigste Gattung für Verfolgte, Flüchtende, Exilierte, Widerstehende.“ Die Reihe widersetzt sich der „Marginalisierung der Poesie im Literaturbetrieb“. Gedichte aus dem Exil und um das Exil werden geborgen. Die Reihe „Nadelstiche“ kann heute auf Grund von Spenden ihre ersten beiden Bände präsentieren. Das Gedächtnis an die Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher, die ich persönlich nicht kannte, ist gesichert und kommt einer Grundsteinlegung gleich, die mit einer ihrer Entdeckungen einhergeht, nämlich der Gedichte von Trude Krakauer (…)

Gedichte sind Textkörper, die in aufbrecherischer Momentaufnahme, wie Konstantin Kaiser und Herbert Staud im Nachwort schreiben, angehen. „Nadelstich“, so heißt ein Gedicht und der Band Bolbechers. Die Erfahrung des Exils, von der ich keine Ahnung habe, nur diese, dass ich keine Ahnung habe, kann ich nur machen im Lesen und Hören, Kraft meiner Neugier. Und es baut sich ein Bild zusammen, das kein Bild ist, sondern ein Schwarm von Impulsen, Stiche versetzend meiner Vorstellungskraft und ein Bild vom Leben im Exil in den Kopf setzend. Es ist ein dynamischer Pointilismus, der sich aus den vielen und intensiven Lektüren der Gedichte Krakauers und Bolbechers zusammensetzt. Stiche, die ein Gewebe erzeugen, das wieder in sich zu einer lebendigen Gestalt anhebt und nie kristallin wird und kein konkretes Soundso und So ist die Nähe und die Fremderfahrung und der Identitätsverlust und die Heimat. Ich wollte ja immer weg aus der Heimat und hätte es mit Sechzehn nie verstanden, wieso eine Existenz in Bogotà Schwere erzeugen kann, noch dazu, wenn man Verfolgung und Vernichtung überlebt hat. Siglinde Bolbecher war weiter, tiefer im Verstehen und an die Grenze des Verstehens gegangen, wohin ich mich beame, wenn ich Gedichte lese und die Essays des Jean Amèry und von Traumorten der Sicherheit und Menschlichkeit. Im Nachwort der Herausgeber, Staud und Kaiser, die aus den flirrenden Facetten von naher Ferne, ferner Nähe – und was ist denn überhaupt Nähe? – betonen, dass der physische Kampf für die Aufarbeitung der Geschichte des Exils den Geschichten Leben einhaucht, mit Mensch und Werk in Dialog tretend. „Nadelstich“ stehe für Rebellion, für die immer neue Auflehnung gegen Gleichförmigkeit und kulturelle Einschränkung. „Daß das Leben fragil ist, diese Binsenweisheit, hat er immer gekannt, und dass man es enden kann, wie es bei Shakespeare heißt“, wie Amery schreibt:.“mit einer Nadel bloß. Dass man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann, dies hat er erst durch die Tortur erfahren.“
Vor 17 Jahren wurde der nigerianische Dichter Ken Saro-Wiwa in einem Schauprozess hingerichtet, weil er sich gegen die Umwelt-Zerstörung durch Ölkonzerne wie Shell im Niger-Delta empörte.

Die Nadel als Folterinstrument, als Tod, als Werkzeug für den, der sie zur Genauigkeit einsetzt, sticht, um freizulegen und wach zuhalten den Schmerz, damit nicht geschieht, was Krakauer befürchtet, dass die Zeit alles heilt: „Die Nadel der Götter ist die Zeit. Lächelnd schaun (sie) aus dem zeitenlosen Blau auf ihre Mühe, wenn sie den tausendfach zerfetzten Erdball geduldig flickt und trennt und flickt und trennt…“ …wer sie führt ist entscheidend und das Ich der Gedichte Bolbechers besagt: Ich mag die Geschichten nicht, wo immer was reinfällt, nachhüpft und daraus neu entsteht. Die sind mir zu praktisch in der Verwandlung von gestocktem Blut in zügiges Leben.

Das Geflecht des Vertrauens ist zart und Welt ist nicht zu nähen. Die Exilforscherin Bolbecher geht in ihren Gedichten nicht zart mit der Welt um, sie riss Welten aus der Vergessenheit. 1993 lernte sie Trude Krakauer, die 1939 aus Wien geflohen war, in Bogotà kennen. Ihre Gedichte brachte sie mit und nun sind sie erschienen, gleichzeitig.
(…)

Das Exil- Gedicht – und ich lese Bolbechers Gedichte als solche, denn sie kreisen um eine Sehnsucht der Sicherheit, im Sinne von Heimat gegen die Ausgestoßenheit. „Das Herz und sein Ort der Freuden“, wenn sie getrennt werden, dann sind wir im „Niewiederland“ und es sind „Messer“, die die Bande kappen und auf Rückkehr lauern, um sich in den Rücken zu stoßen, so ist wieder Krakauer zu zitieren.

Das Einlassen auf die Gedichte in dieser Reihe fördert eine Zerrissenheit, Aufmerksamkeit, oder schlicht: dialektisches Denken, dass es einerseits notwendig ist, den Menschen im Gedicht zu erkennen und andererseits dürfen die Sinne nicht die Metaebene verlassen, damit die Tiefe in der Form aufgeht, bevor der Ästhetische Gewinn ein Wort, ein Bild, einen Gedanken absticht. Grundvoraussetzung ist: Phantasie und Lust auf Magie, bei der Inhaltlichkeit, die je weiter sie in die Vergangenheit abrückt gegenwärtig bleibt. Gleichzeitig. Stich für Stich, scharf und gravierend, bis die Kraft gesammelt ist, die Brücke zu beschreiten, die Trude Krakauer dank Siglinde Bolbechers Lebenswerk zu beschreiten uns schenkt.

Die Lyrikreihe „Nadelstiche“ wird herausgegeben von Alexander Emanuely, Konstantin Kaiser, Lydia Mischkulnig und Herbert Staud. Sie wurde ermöglicht durch Spenden von Freundinnen und Freunden Siglinde Bolbechers.

Siglinde Bolbecher: Nadelstich. Gedichte. Mit einem Nachwort von Konstantin Kaiser und Herbert Staud. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2013. 96 S. ISBN 978-3-901602-50-4. Euro 12,-

Siglinde Bolbecher hat ein großes Werk angehäuft. Ihr geistiger und physischer Kampf für die Aufarbeitung der Geschichte des Exils und Widerstands gegen den Nationalsozialismus war auch ein Kampf für das Lebendighalten dieser Geschichte und ein Streben nach Selbsterkenntnis. Leben bekam diese Geschichte, weil Siglinde den damit verbundenen Geschichten Leben einhauchte – indem sie Verschollenes wieder zur Geltung brachte, auf die Menschen verwies, den Dialog mit ihrem Leben und Werk suchte, und dort, wo es noch möglich war, auch die persönliche Begegnung.

Siglindes Lebenswerk ist mit dem vorliegenden Lyrikband um eine Facette reicher. […] – Konstantin Kaiser, Herbert Staud.

Trude Krakauer: Niewiederland. Gedichte. Mit einem Nachwort von Siglinde Bolbecher. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2013. 96 S. ISBN 978-3-901602-49-8. Euro 12,-

Das lyrische „Ich“ Trude Krakauers spricht selten zu einem konkreten „Du“. Das „Ich“ ist ihr gespalten in Heimat, Jugend und Zukunft: wovon sie spricht, wurde in eine ewige Fremdheit gerettet. „Ich bin ein Mensch, der vor sich selber flieht“, heißt es in dem Gedicht „Meine Widersprüche“, das die äußere Zerstörung durch den Faschismus an der inneren Gespaltenheit nachzeichnet. Es ist ein trotzig rebellisches Herz, das die Wege vom Ursprung her, der leuchten mag, bis auf das Verdorren hin überprüft. Die „Luftwurzeln“ ihres Gedichts „zittern und schwanken und tasten ins Leere“.

Siglinde Bolbecher.

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