69. Catullsche Weise

„Wir wollen uns zu unseren Geschlechtsorganen bekennen/ auf die Catullsche Weise“, schrieb Günter Kunert 1966. Der sei so obszön, sagte mir eine Studentin vor 10 Jahren, als ich den Namen Catull erwähnte. (Ein paar Jahre später wirkte sie in einem Erotikfeature im Studentenradio mit und sprach Texte, die selbst mich verlegen machten). Orff vertonte ihn, Rudolf Borchardt, Wolfgang Tilgner, Thomas Kling und Raoul Schrott übersetzten ihn. Philologen locken:

Julia Haig Gaisser, angelsächsische Altphilologin, versucht es folgendermaßen: ‚Dieses Buch richtet sich an alle, die Dichtung lieben – egal in welcher Sprache. (…) Catulls Dichtung präsentiert dem Leser zwei scheinbare Hindernisse. Ein großer Teil (etwa ein Viertel) ist obszön, und alles ist auf Latein. Ich begegne diesen beiden Tatsachen direkt und ohne apologetische Haltung, denn ich bin der Auffassung, dass ein Leser des 21. Jahrhunderts weder vor dem einen noch vor dem anderen geschützt werden muss.‘ Scheinbare Hindernisse sind das jedenfalls nicht. Das erste stellt überhaupt kein Hindernis dar, sondern eine Lockung; das zweite hingegen dürfte sich als sehr real erweisen. Doch geht Gaisser die Sache mit großer Besonnenheit an. Sie weiß, dass die Anziehungskraft Catulls vor allem in seiner emotionalen Intensität besteht. Die Fassungslosigkeit, wenn jemand feststellt, dass er denselben Menschen sowohl lieben als auch hassen muss, kann selbst heute noch unmittelbar zu Herzen gehen (zumal wenn das Erlebnis nicht mehr als zwei Verszeilen benötigt). Mit solchen kurzen Gedichten setzt Gaisser ein, um dann das historische Terrain zu erkunden. Sie erläutert die andersartige Polung der Sexualität bei den Römern, die nicht so sehr nach männlich und weiblich, hetero- und homosexuell sortierten als nach herrschendem Penetrator und duldendem Penetriertem; was auf Anhieb so angenehm tolerant aussieht, zeigt auf den zweiten Blick sein hässliches Machtgefälle. Nur vor diesem Hintergrund versteht man den Ton erotischer Aufschneiderei, der sich so oft bei Catull findet.

Subtiler als Niklas Holzberg, der vor einigen Jahren in seinem Catull-Buch das hier sprechende Ich völlig als die Spielfigur eines lang unverständlich gewordenen Spiels dekonstruierte, erinnert Gaisser auch anhand moderner Beispiele daran, wie sich in der Lyrik die Grenzen zwischen Person und Werk zu verwischen pflegen. Behutsam unternimmt sie es, so weit es geht, zu dem Menschen vorzudringen, der dies geschrieben hat. In Schutz nimmt sie ihn freilich nicht; sie stellt ihn ohne Weiteres auch als Schnösel der römischen Jeunesse dorée bloß, der über seinen Chef murrt, weil der ihn daran gehindert hat, sich bei seinem Volontärjahr in der Provinz hemmungslos zu bereichern. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 8.2.

Julia Haig Gaisser: Catull. Dichter der Leidenschaft. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Philipp von Zabern, Darmstadt 2012. 224 Seiten, 24,99 Euro.

[Cat. 85]

Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.
Nescio, sed fieri sentio et excrucior.

Hassen und lieben zugleich muss ich. – Wie das? – Wenn ich’s wüsste!
Aber ich fühl’s, und das Herz möchte zerreißen in mir.
Eduard Mörike (1840)

Ach, ich hasse und liebe. Du fragst, warum ich das tue.
Weiß nicht. Ich fühle nur: es geschieht und tut weh.
Max Brod (1914)

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