105. Kamtschatka der Romantik

Noch einmal Baudelaire. „Folie Baudelaire“, der Wahn Baudelaire, so der Titel von Calassos Buch über den Dichter, nimmt eine gehässig gemeinte Formulierung des Kritikers Charles-Augustin‬ Sainte-Beuve auf und wendet sie ins Positiv. Sainte-Beuve war ein einflußreicher Literaturkritiker und seit 1844 Mitglied der Akademie. 1861, als die beiden Akademiker Eugène Scribe und Henri Lacordaire starben und damit ihre Sitze frei wurden, bewarb sich Baudelaire (der Prozeß, der zum Verbot einiger Gedichte der Flairs du mal führte, lag erst wenige Jahre zurück) um einen Platz in der Akademie. Aber die Sainte-Beuves widersetzten sich und siegten, sie blieben unter sich. Baudelaire aber wurde Mitglied der stets imaginären Akademie der Geister.

Und Sainte-Beuve? Seine Vornamen muß ich immer wieder nachschlagen. Er überlebte sozusagen als Insekt im Bernstein Baudelaires. In Hugo Friedrichs „Struktur der modernen Lyrik“ las ich als Diktum Baudelaires: „Um die Seele eines Dichters zu durchschauen, muß man in seinem Werk diejenigen Wörter aufsuchen, die am häufigsten vorkommen. Das Wort verrät, wovon er besessen ist.“ Auch belesene Autoren machen Fehler, der Satz stammt nicht von Baudelaire. Friedrich fand es und exzerpierte vermutlich für seine Materialsammlung bei Baudelaire, aber er verkürzte das Zitat, wie das beim Abschreiben passiert. Bei Baudelaire steht: „Bei einem Kritiker lese ich: ´Um die Seele eines Dichters zu erraten, oder zumindest das, was ihn vor allem beschäftigt, durchforsche man seine Werke nach dem Wort oder den Worten, die darin am häufigsten auftreten. Dem wird man entnehmen, wovon er besessen ist.´“ So in der Ausgabe Sämtliche Werke, Hrsg. Friedhelm Kemp und Claude Pichois, Bd. 7, S. 177.

Der Kritiker war Sainte-Beuve. Und so kursiert wenigstens ein Zitat des Kritikers unter falschem Namen bei deutschen Lesern der französischen Moderne. Und vielleicht noch ein zweites? Die Stelle mit dem Kiosk auf dem romantischen Kamtschatka ist es wert, aufbewahrt zu werden.

 

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