33. Merkvers

Alle Antworten finden sich hier. Wie viele
Knochen im menschlichen Körper? Genug
einen Archäologen glücklich zu machen.

Sandra Trojan: Ohne Titel. In: S.T.: Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: Poetenladen 2009, S. 18.

Ich lese gern alte Texte aus den Frühzeiten der Völker. Man findet da mehr Authentizität als in den tausendsten Aufgüssen. Was nicht heißt, daß ich neue Gedichte generell für Aufgüsse halte. Der Spätere hat es schwerer, zugleich authentisch und originell zu sein, weil soviel schon da war. Aber immer wieder versuchen es manche!.

Vorliegendes Buch heißt Middle English Lyrics. A Norton Critical Edition (zuerst 1974). Das Wort Lyrics muß erklärt werden. Sein Gebrauch für diese Texte, sagt das Vorwort, ist unhistorisch. Die früheste vom OED dokumentierte Verwendung dieses Wortes stammt von Philip Sidney (1554-1586) und stammt aus dem Jahr 1581.

Die Gedichte sind in thematischen Gruppen zusammengefaßt. Gruppe V beginnt mit Merkversen über verschiedene Gegenstände: Welcher Monat hat wieviel Tage? Wie unterscheiden sich die vier Charaktertypen? Ich bleibe hängen an diesem, um das Jahr 1470 offenbar für Medizinstudenten geschrieben:

xxxii teeth that bethe full kene,
cc bones and nintene,
ccc vaines sixty and five,
Every man hathe that is alive.

Zwei Wörter werden erläutert: bethe = are, kene = sharp.

Man kann also übersetzen:

xxxii Zähne die voll scharf sind,
cc Knochen und neunzehn,
ccc Venen [und] fünfundsechzig
Hat jeder lebende Mensch.

Die Fragen scheinen beantwortet: 32 Zähne, 219 Knochen, 365 Venen. Aber stimmt das? Bei den Zähnen ja. Aber dann wird es immer schwieriger. Der erwachsene Körper hat 206 Knochen, lese ich in den meisten Quellen, gelegentlich ist von 206-208 Knochen die Rede. Wie kommen die auf 219?

Vom erwachsenen Körper ist die Rede. Kinder haben um 300 Knochen, heißt es.  Die wachsen erst später zusammen, so daß sich die Zahl reduziert. 219 ist also schon ziemlich nah an der Zahl beim Erwachsenen.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Papst Sixtus IV. 1481 in sein Amt kam und während seiner Amtszeit in einem Erlaß erlaubte, die Leichen von hingerichteten Kriminellen und unidentifizierte Leichen zur medizinischen Forschung oder zu anatomischen Studien für Künstler freizugeben, stellt das Gedicht ein Dokument aus der unmittelbaren Frühzeit der Leichensektion dar bzw. knapp davor. Bis dahin konnte man nur Totgeburten sezieren. Die Zahl 219 dokumentiert eine schon ziemlich genaue Annäherung, die gültigen Ergebnisse der medizinischen Forschung.* Damit bekommt das Gedicht den von Brecht eingeforderten Status eines Dokuments. Reallyrik im wahrsten Sinne des Wortes! (Die Zahl der Adern ist auch heute schwerer zu bestimmen, die Zahlen schwanken beträchtlich).

Ob es sich dabei um Lyrik handelt? Gehören lyrics, Songtexte, zur Lyrik? Manche Puristen lehnen das ab, aber who cares? Oskar Pastior, in seinen Frankfurter Vorlesungen, sprach den Satz „Ich weiß nicht was Lyrik ist“ und unmittelbar darauf ein Gedicht, das man für zu seinem „Krimgotischen Fächer“ gehörig halten mag, wenn er es nicht anschließend erläuterte:

Ich weiß nicht was Lyrik ist.

… Beli Boku
Stisa Flune
Namagalsi Phoschwehklar
Kakazkati – Wackermann: Feconi!
Cuzygalgen! Assel! Brotcryp! …

Es handelt sich um „die formelhafte Schlüsselstelle – oder Eselsbrücke – aus einem ganz frühen Gedicht (April 1955) mit dem Titel „Das periodische System“, der Elemente natürlich. Das mir – private Weltbeschwörung, durch die Fugen eben einer Eselsbrücke – den Absprung von der Hermannstädter Baufirma ins Bukarester Universitätsgedümpel plausibel machen wie erscheinen lassen sollte.“

Oskar Pastior: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp 1994, S. 14f.

Das Gedicht mit Nutzwert („Poesie als Sachbuch“, schreibt Pastior), die Reihenfolge der Elemente – Beryllium, Lithium, Bor, Kupfer, Beli Boku, Stickstoff, Sauerstoff, Stisa und so weiter –  und zugleich private  Weltbeschwörung. Oskar Pastior schrieb und publizierte damals auch ganz andere Gedichte: „Als der neue Hochofen fertig war, wurde er angeblasen, und nun liefert er / Roheisen, Charge um Charge. / Nichts ist verwunderlich dran, aber alles ist / wunderbar, denn seit jenem, unserem glühenden August / vollziehen die Menschen in unserem Land / selber die Wunder der Ordnung (…)“. (In: „… sage, du habest es rauschen gehört“.  Werkausgabe Bd. 1. München Wien: Hanser 2006, S. 39). Aber in dem privaten Memoriervers – so etwas in Rumänien zu veröffentlichen wäre völlig unmöglich gewesen – erfand er sich als der Dichter, der er wurde. Die Frage, ob das Lyrik ist, ist irrelevant und in die Irre führend. Vielleicht war es in den Frühzeiten des 15. Jahrhunderts anders, und man mußte nur aufschreiben und es war immer gleich Poesie. (Ovids Liebeskunst war ja  auch ein Sachbuch!). Jetzt, Schiller hat es beschrieben, kann man sich nur aus der Distanz definieren – oder sich neu erfinden. Die soz-realistischen Gedichte waren bloße Reproduktion erwünschter Weltmodelle, im Spiel des Memorierverses ersteht Poesie. Und für mich kobolzen die Verbindungen, wenn ich den namenlosen alten Engländer lese und grad bei Sandra Trojan Spuren aus einem Buch von Bertram Reinecke aufsuchte (sein Gedicht, von dem ich mich auf die Spur setzen ließ, heißt „Für Archäologen“). Lyrik, das ist, wenn Verbindungen hergestellt werden.

Für Leute, die glauben, in einer wissenschaftlichen, kritischen Textausgabe bekämen sie zu lesen, was der Dichter wirklich aufgeschrieben hat, setze ich unter den Strich den Text und die Beschreibung aus DIMEV, dem Digital Index of Medieval Verse, zur Verdeutlichung noch einmal den edierten Text dazu.

DIMEV 5650

IMEV 3572

NIMEV 3572

Thirty-two teeth that keep full keen

Mnemonic verses on the number of teeth, bones and veins — two couplets

Subjects: mnemonics; utilitarian instructions

Versification: — two-line — aa

Manuscript Witnesses:

1.

Source: Oxford, Bodleian Library Rawlinson poet. 32 (SC 14526), f. 205

Transcription:

xxxij teth that kepe full kene
CC bonys and Nyntene
CCC vaynys syxty and fyve
Euery man haþe that is a lyve

xxxii teeth that bethe full kene,
cc bones and nintene,
ccc vaines sixty and five,
Every man hathe that is alive.

Editions:

  • Förster, Max. “Kleinere mittelenglische texte.” Anglia 42 (1918): 145-224; 43 (1919): 191: 215.
  • Förster, Max. “Two Notes on Old English Dialogue Literature.” An English Miscellany Presented to Dr. Furnivall. W. P. Ker, A. S. Napier, and W. W. Skeat, eds. Oxford: Clarendon, 1901: 86-106: 104.
  • Halliwell-Phillipps, James Orchard, ed. A Selection from the Minor Poems of Don John Lydgate. Percy Society 2. London: T. Richard, 1840: 266.
  • Robbins, Rossell Hope, ed. Secular Lyrics of the XIV and XV Centuries. 2nd ed. Oxford: Clarendon, 1955: 71.
  • Jones, Ida B. “Popular Medical Knowledge in Fourteenth Century English Literature.” Bulletin of the Institute of the History of Medicine 5 (1937): 405-51, 538-88: 554.
  • Luria, Maxwell Sidney, and Richard L. Hoffman, eds. Middle English Lyrics. New York: Norton, 1974: 111.
*) Die Zahl 219 kommt von Galen, sagt eine Leserin, die es wissen muß. Das relativiert zwar ein klein wenig mein Vertrauen in die Referenzqualität des Verses, aber nur um dem unwichtigsten Teil. Poetisch und reallyrisch bleibt es!

3 Comments on “33. Merkvers

  1. zu galen nochmal: „Diese Verse, obzwar sie in der Collectio Salernitana unter Einem angeführt sind, wurden dennoch dort aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Dadurch erklärt sich der Widerspruch, dass die Zahl der Knochen einmal mit 219, das anderemal mit 224 angegeben ist. (…) Diese Zählungen von Knochen, Muskeln, Nerven, welche auf Galenos zurückgehen, gehören zum Inventar einer mittelalterlichen Anatomie.“ (siehe: http://archive.org/stream/studienzurgeschi00tp/studienzurgeschi00tp_djvu.txt) // qed qed; sicher nicht die neueste quelle, aber ich würde damit zunächst bei der vermutung bleiben wollen, dass die zahl(en) über galen kommen. auch dass zwei unterschiedliche zahlen durch ihn überliefert sind, wäre m.e. nicht auszuschließen (vgl. „Bei seinen Differenzierungen berücksichtigt Galen auch Abweichungen, die sich im Laufe der Zeit oder durch andere Vorgehensweisen ergeben. Schwierig ist beispielsweise, die Gesamtzahl der Oberkieferknochen festzulegen, sie schwankt zwischen 15 und 8 Knochen. Galen löst das Problem dadurch, daß er in seiner ersten Aufzählung eine Einteilung in 15 Knochen, bei der zweiten eine Einteilung in 8 Knochen zugrundelegt“; siehe ‚Gattungen wissenschaftlicher Literatur in der Antike‘; Wolfgang Kullmann, Jochen Althoff, Markus Asper (Hrsg.), Beitrag von Carolin Oser-Grote ‚Einführung in das Studium der Medizin bei Galen und Hippokrates‘). soweit das vermutete. ich habe jedenfalls parallel und sicherheitshalber nochmal einen medizinhistoriker mit der elle voran gefragt. sollten die zahlenwerte jedoch von galen kommen, wäre die anzahl schlicht dadruch zu erklären, dass er u.a. schweine seziert hat, da ihr inneres dem menschen nach damaliger auffassung zu gleichen schien (hier interner vergleich, ja, gleichsetzung. externale studien dafür an affen). bei schweinen letztlich reichen die angaben von 216 bis 223 knochen ingesamt, im mittel also 219 (220). da galen „das knöcherne Skelett (…) anhand von Funden aus zerstörten Grabstätten“ hatte „untersuchen können (‚de ossibus ad tirones‘)“, sich im übrigen aber eben mit „Zootomie begnügen mußte“ (vgl. ‚Enzoklopädie der Medizingeschichte‘ **; Werner E. Gerabek (Hrsg.)), könnten mitunter auch dadurch unterschiedliche zahlenwerte in seiner literatur auftauchen.
    weiterer fingerzeig: „Umsomehr nimmt es wunder, daß die Medizinschule von ->Salerno schon in ihrer Frühphase um 1000 zur anat. Demonstration zurückfand und konsequent in ihrem Unterricht Lehrsektionen anbot; Zeuge ist der Leitfaden für unterrichtende Prosektoren, der unter dem Titel ‚Anathomia Gallieni‘ bewußt den berühmten Pergamener anknüpft und das Sezieren eines Schweins lehrt. (…) Gegliedert in vier Kapitel (…), ist er im 11. Jh. auf die konstantinisch-arabische Terminologie umgestellt und wenig später als ‚anatomia porci cophonis‘ verbreitet worden. Ein jüngerer Leitfaden für die gleiche Zielgruppe wird ->Maurus von Salerno zugeschrieben; ein erstes systematisches Lehrbuch schon scholastischer Prägung stammt von dem Spätsalernitanter ->Urso“ von Salerno (** ebenda).

    ansonsten hier noch ausgiebige informationen zum gedicht: http://pds.lib.harvard.edu/pds/viewtext/8083721?n=15&imagesize=1200&jp2Res=.5&printThumbnails=no

    Liken

  2. warum? galenos war damals wahrscheinlich nach wie vor stand der dinge. weniger präzise hingegen oskar pastior, in der ersten periode kommt lithium vor beryllium, und das vierte ist kein kupfer, sondern kohlenstoff (kupfer kommt später, bei Cuzygalgen), aber da wird er wohl gedacht haben „laß die moleküle rasen …“

    Liken

    • okay, das erklärt, warum aus der chemiekarriere nichts wurde. obwohl er sich beharrlich so erinnert: „für die kleine chemieprüfung des bakkalaureates in hermannstadt im jahre 1952 hatte ich mir eine mnemotechnische eselsbrücke von potentieller welthaltigkeit ausgetüftelt, eingeschränkt bloß von dem raster (und natürlich auch gerastert von der einschränkung) des memorierbar sich einzuprägenden periodischen systems der mendelejewschen elemente – und lautete, ich kann sie immer noch auswendig, dann so:

      beli boku
      stisa flune
      namagalsi phoschwehklar
      kakazkati-wackermann: feconi?
      cucygalgen! assel! brotcryp!

      – die Welt mit fauna und flora und mitsamt der ganzen historiogeographie in 5 zeilen. oder nicht? denn wenn in dieser reihenfolge, mit und anhand von berillium, lithium, bor, kupfer, stickstoff, sauerstoff, fluor, neon, natrium usw. das postulierte system sich zumindest ahnbar memorieren ließ (alles in allem jedes in jedem), so wäre mit hilfe (wie zum bestand) der weltlyrik als eselsbrücke deren sinnkonstitution so einfach. über diese brücke, sage ich ja noch heute, wandelten eppich und ehrenpreis genauso wie prießnitz, artmann, whitman, eich und bach, litanei wie litaipe, translatorisch, u- und isotopisch, ein- und gertrudsteinig, ätherisch, biogenetisch – wir befinden uns nach wie vor im populärwissenschaftlichen zeitalter. oder nicht? “

      mußt er ja dichter werden, weltlyrik als eselsbrücke von „berillium“ zu priessnitz

      Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: