86. Andere Mitteilung

Lyrik ist etwas, das mit Schweigen zu tun hat, Schweigen nicht unbedingt im Sinne einer meditativen Stille, sondern: LyrikerInnen hören im Gerede etwas sprechen, was nicht gesagt wird, was verschwiegen wird vom Gerede, oder sie beobachten Worte, wie sie sich selbst gegenüber still verhalten, wie sie stumm werden. Lyrik geht eine andere Mitteilung einholen, als die, die allgemeinhin gehört wird.

Niemand versteht Lyrik auf Anhieb, auch LyrikerInnen nicht. Ungewöhnliches steht da im Raum; Unerwartetes tritt auf; etwas, was nicht im herkömmlichen Sinne zwingend logisch sein muss, kommt zum Vorschein. (…)

Lyrik versucht seit Jahrhunderten, sich hinauszuschieben aus dem Feld der allgemeingültigen Mitteilung, wegzugehen aus dem Hauptraum der Rede. Sie geht in ein anderes Zimmer, um etwas zu besprechen, was nicht im Klartext verhandelbar sein soll, auch nicht verhandelbar ist, was da gar nicht hineingehört. (…)

Lyrikrezeption, vor allem in Form einer Dichterlesung,  kränkelt oft daran, dass der Zuhörer meint, er müsse sofort verstehen, was da gesagt wird – und schon ist etwas, was frei war, wieder eingefangen worden durch unser eingeschliffenes Willens-Muster, alles schnell in den Griff kriegen zu können. Wir haben das Gedicht verpasst, wenn wir auch unsere Ruhe nun haben.

/ Lioba Happel: Zu Vera Schindler-Wunderlichs Gedichtbuch Abstandszimmer im Freien anläßlich der Buchpremiere am 27.10.2012 in Basel, Kulturnotizen

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