20. Außen und innen

Schriftsteller aus Mazedonien sind dünn gesät,

so beginnt Jan Koneffke einen Artikel in der NZZ, etwas verkürzt vielleicht, aber nach Sachlage kann er nur „außerhalb Mazedoniens“ meinen, wobei säen ein zu vielerlei Gedanken anregendes Bild wäre / ist. Den Außenfokus nimmt die Fortsetzung des Satzes auf:

und kaum einer weiss, was die mazedonische Kultur ausmacht. Eine Chance, diese näher kennenzulernen, bietet die Lektüre der Gedichte von Nikola Madzirov. Der 1973 in Strumica geborene Autor macht seit einiger Zeit in der internationalen Lyrikszene Furore.

Also lesen wir so: draußen nimmt man fast nur den einen wahr. Und das lohnt sich aus inneren

Nikola Madzirovs Gedichte, mittlerweile im Band «Versetzter Stein» auch auf Deutsch nachzulesen, reiben sich an ganz unterschiedlichen Grenzen: den europäischen Grenzen der Erwartung und den balkanischen des Schmerzes. Wenn es einmal heisst: «Wir warten auf den Wind / wie zwei Flaggen an einem Grenzübergang», spricht er die Grenzerfahrung einer Generation aus, die, ausser in Zukunftserwartung und erinnertem Schmerz zu leben, vor allem in Unsicherheit verharrt. Denn die Grenzen sind nur die eine Seite der Münze, deren andere Seite den Stempel der Unbehaustheit trägt. «. . . durch die Erzählungen meiner Vorfahren», schreibt Madzirov in einem seiner ausserordentlich dichten Essays, «habe ich begriffen, dass das Heim eine Erinnerung ist, die man nicht erben kann. Nach jedem Krieg gibt es viele verlassene Häuser, aber es gibt noch viel mehr verlassene Heime.» Madzirov, dessen Name sich vom arabischen Wort «Madziri» ableitet, einst die Anhänger Mohammeds bezeichnete und heute so viel bedeutet wie: Menschen ohne Zuhause, weiss nur zu genau, dass eine verordnete kollektive Erinnerung die «verlassenen Heime» nicht ersetzen kann.

und äußeren Gründen (und diese beiden Richtungen kreuzen sich wild):

Wir sprachen über die Welt der Poesie und die Weltliteratur, über Kundera, Calvino, Tranströmer, junge und alte Philosophen, zeitgenössische Künstler – für sein Alter war er fast einschüchternd gebildet –, nicht zuletzt über europäische und balkanische Grenzerfahrungen. In allerletzter Minute hatte er das Visum für Slowenien erhalten. Und einige Monate zuvor war ihm fast die Einreise nach Griechenland verweigert worden, in das Land, das seine Vorfahren während der Balkankriege zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als Flüchtlinge hatten verlassen müssen. Da der Staat Makedonien von den griechischen Behörden nicht anerkannt wurde, besass auch sein Pass keine Gültigkeit. Was folgte, war stundenlanges Warten, bis man ihm einen Ersatzausweis aushändigte, mit dem er die Grenze überschreiten durfte.

Ein paar Jahre später wiederum, als ich im bulgarischen Veliko Tarnovo Nikola Madzirov und seine Gedichte erwähnte, handelte ich mir einen Rüffel ein: Das Makedonische existiere gar nicht, es sei lediglich eine Spielart des Bulgarischen. Mein kluger, durchaus sympathischer Gesprächspartner, ein Radiojournalist, konnte es sich nicht verkneifen, einen geschmacklosen Witz zum Besten zu geben: «Was ist ein Makedonier, der sich gewaschen hat? – Ein waschechter Bulgare!» Erneut stellte ich fest, dass die kollektive Identität auf dem Balkan (freilich nicht nur dort) nicht selten auf den negativen Prinzipien von Exklusivität und Abgrenzung beruht, einer kulturellen Überheblichkeit, die nur die Kehrseite tief reichender Minderwertigkeitsgefühle ist.

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