163. Erfolgsautor

»High Windows«, 1974 bei Faber and Faber erschienen, wurde ein Bestseller. Die erste Auflage war innerhalb von drei Wochen ausverkauft und musste mehrmals nachgedruckt werden. In Zahlen stellt sich das Phänomen folgendermaßen dar: Juni 1974 – 6.142 Exemplare; September 1974 – 6.632; Januar 1975 – 5.985; Januar 1976 – 6.110. Zusätzlich erschien 1974 eine US-Ausgabe sowie 1979 die erste britische Taschenbuchausgabe, die es bis 1997 auf 110.000 Ex. brachte: also ca. 25.000 gebundene + zusätzlich 110.000 als Taschenbuch verkaufte Exemplare eines Gedichtbandes. Die spinnen die Briten!

Diese Informationen bietet Klaus F. Schneider in der Rezension einer neuen bibliophilen Larkin-Ausgabe. Und vergleicht mit deutschen Verhältnissen:

Für uns unvorstellbar, selbst um ein, sogar zwei Nullen ärmer, wäre eine entsprechende Auflage hierzulande ein Prestige Erfolg. Und das – darf man annehmen – auch für namhafte Verlage, nicht nur für ein Unternehmen, wie bezeichnenderweise wieder einmal eines wie dieses, das als Ein-Mann-Selbstausbeutung nach Dienstschluss aufgezogen ist und funktionieren muss. Dementsprechend wiederum keine Ausnahme sondern die Regel, dass der bisherige Höhepunkt im Verlagsprogramm, eine vierbändige Werner-Riegel-Werkausgabe (dem früh verstorbenen Weggefährten Peter Rühmkorfs), weitgehend unbeachtet blieb.

Schließlich ein schöner Übersetzungsvergleich, der es nicht bei Behauptungen beläßt, hier der Schluß daraus:

»Aubade« (1977) ist eines der letzten Gedichte, die Larkin veröffentlicht hat, bevor er verstummte, oder – wie er es nannte –  ihm der Zwang oder Druck, Gedichte zu schreiben „the compulsion to write poems“ abging. Am Schluss wendet sich der Blick der unbarmherzig weiterlaufenden Welt zu. Und der ganzen alltäglich erdrückenden, apersonalen Unerheblichkeit und Gleichgültigkeit.

In einer älteren Übersetzung liest sich das so:

Inzwischen machen sich die Telefone fertig,
in verschlossenen Büros zu klingeln, und die ganze
vernachlässigte, verzwickte Mietwelt steht nun auf.
Der Himmel, weiß wie Ton, bleibt ohne Sonne.
Die Arbeit muß getan sein.
Briefträger gehn wie Ärzte nun von Haus zu Haus.

Glabotki zufolge hat Larkin das so weder geschrieben noch intendiert. Bei ihm nämlich ducken sich die Telefone („telephones crouch“), und statt von einer (passiv) „vernachlässigten Mietwelt“ spricht Larkin von der sich (aktiv) nicht kümmernden und überdies nur angemieteten Welt:

Meanwhile telephones crouch, getting ready to ring
In locked-up offices, and all the uncaring
Intricate rented world begins to rouse.
The sky is white as clay, with no sun.
Work has to be done.
Postmen like doctors go from house to house.

In der vorliegenden neuen Übersetzung ist diese Passage sinngemäßer übersetzt und kommt so auch der Larkinschen Satzmelodie wieder nahe:

Jetzt sind die Telephone sprungbereit fürs erste Klingeln
in noch verschlossenen Büros, und ohne sich zu bekümmern,
kommt die ganze geborgte Welt aus dem Nachtschlaf heraus.
Der Himmel ist weiß wie Lehm, ohne Sonnenlicht.
Es gilt Arbeit zu verrichten.
Briefträger gehen wie Ärzte von Haus zu Haus.

/ Klaus F. Schneider, Fixpoetry*)

Philip Larkin: »Aubade. Frühmorgenlied«. Deutsch von Richard Glabotki; mit 7 Illustrationen von Max Perna. 24 Doppelseiten; handgebunden-broschiert; 1. Aufl. – Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez 2012. 111 nummerierte und vom Künstler signierte Exemplare; ISBN 978-3-933591-11-1. (Bestelladresse: Postfach 80 04 62, 70504 Stuttgart.)

Werner Riegel: Ausgewählte Werke in Einzelausgaben:

1. Der Admiral. Stuttgart: Literarisches Bureau Christ & Fez, 2006. ISBN 978-3-933591-03-6;
2. Der senkrechte Mitmensch. 2008. ISBN 978-3-933591-05-0;
3. Heiße Lyrik. 2007. ISBN 978-3-933591-04-3;
4. Porträt eines Dichters. 2010. ISBN 978-3-933591-09-8;

*) Ich empfehle unbedingt ganz zu lesen, es gibt mehr Be-denkliches zur Übersetzung! Zeitungen, stockt euer Zeilenhonorar auf und bestellt direkt bei Dichters. Die erste, die meinen Vorschlag aufnimmt kriegt von mir n Abo! Nachweis der Honoraraufstockung per Fax an mich.

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